Bahn erneuert Magistrale Nürnberg-Würzburg bei Kitzingen

Das Streckennetz der Bahn gehört zu einem der frequentiertesten und modernsten in Europa. Deshalb, und vor allem damit das auch so bleibt, sind natürlich immer wieder entsprechende Modernisierungsarbeiten notwendig – so auch 2021 auf der ICE-Magistrale Würzburg-Nürnberg im Abschnitt Rottendorf-Mainbernheim. Dort wird zurzeit die Fahrleitungsanlage aus dem Jahr 1954 komplett erneuert. DMM war vor Ort.

Fahrleitungsmast am Helikopter über Kitzingen. Fotos: G. Zielonka

Fahrleitungsmast am Helikopter über Kitzingen. Fotos: G. Zielonka

Während der Heli einen Mast abgesetzt hat, rollt auf dem freien Gegengleis der Zugverkehr. Foto: Gerhard Bauer

Während der Heli einen Mast abgesetzt hat, rollt auf dem freien Gegengleis der Zugverkehr. Foto: Gerhard Bauer

Airbus AS 350 neben dem Lagerplatz hoch über dem Maintal von Kitzingen: Mit diesem Transport-Heli werden die neuen Oberleitungsmasten an ihr Ziel geflogen.

Airbus AS 350 neben dem Lagerplatz hoch über dem Maintal von Kitzingen: Mit diesem Transport-Heli werden die neuen Oberleitungsmasten an ihr Ziel geflogen.

Aufnahme der Stahlgitter-Oberleitungsmasten.

Aufnahme der Stahlgitter-Oberleitungsmasten.

Von drei Lagerstätten nördlich Kitzingens werden 500 neue Fahrleitungsmasten nahe Kitzingen gelagert und mit dem Heli an die Strcke transportiert.

Von drei Lagerstätten nördlich Kitzingens werden 500 neue Fahrleitungsmasten nahe Kitzingen gelagert und mit dem Heli an die Strcke transportiert.

Die ICE-Strecke Würzburg-Nürnberg gehört zu den dicht befahrenen Linien der Bahn. Auf ihr liegen u.a. drei verschiedene ICE-Linien: Hamburg/Bremen-Würzburg-Nürnberg-München, Dortmund/Essen-Würzburg-Nürnberg-München und Köln/Frankfurt-Würzburg-Wien. Dazu gesellen sich tagsüber etwa 80 Güterzüge sowie der stündliche Regionalverkehr der Mainfrankenbahn zwischen Würzburg und Nürnberg.

Auf dem 20 km langen Streckenabschnitt zwischen Rottendorf und Mainbernheim wird auf einer Länge von rund 40 km (beidseitig) die Oberleitungsanlage erneuert. Hierbei kommt es vereinzelt zu Reiszeitverlängerungen bis zu 30 Minuten zwischen Würzburg und Nürnberg, zudem ist der Zugverkehr auf der Relation Würzburg – Nürnberg – München eingeschränkt. Erstaunlich ist freilich, dass trotz der Bauarbeiten nur eines der beiden Richtungsgleise jeweils gesperrt ist. Auf dem anderen verkehren viele Züge wie gewohnt.

Je nach Wetterbedingungen fliegt für die Arbeitseinsätze ein gelber Airbus AS350 der Meravo Luftreederei Fluggesellschaft GmbH Oedheim (bei Heilbronn). An Bord zwei erfahrene Piloten, der eine aus Thüringen, der andere aus Österreich. Beide sind wahre Meister ihres Fachs. Sie transportieren mit dem Hubschrauber Gitter-Fahrleitungsmasten von den vier Ablagestellen hoch über dem Maintal am nördlichen Ende der Weinstadt Kitzingen, westlich von Mainstockheim, kurz vor Dettelbach sowie südöich von Mainbernheim jeweils nahe der Bahntrasse. Die Masten, zwischen 700 und 800 kg schwer,  waren vor einigen Wochen mit zahlreichen Lkw-Fahrten über Wirtschaftswege angeliefert und gelagert worden.

Die "luftigen" Transportarbeiten werden von der Firma Strabag sowie Bahnbediensten überwacht. Am Boden hängen jeweils Mitarbeiter das von Heli herabhängende Stahlseil in eine vorbereitete Aufnahme an den Masten ein. Insgesamt liegen auf den vier Lagerplätzen über 500 reguläre und Fahrdraht-Abspannmasten, die links und rechts der etwa 20 km langen Trasse montiert werden. An der Bahntrasse selbst wurden bereits und werden noch Fundamente für das Aufstellen der neuen Oberleitungsmasten mit Schienenbaggern links und rechts der beiden Gleise ausgehoben und mit Beton neu gegossen. Der Fertigbeton wird auf der Schiene angeliefert.  

Die beiden Piloten aus Thüringen und Österreich sind wahre Meister ihres Fachs. Ihr Arbeitsgerät, der AS 350 Écureuil, ist der wohl am vielseitigsten einsetzbare Mehrzweckhubschrauber mit einem Triebwerk. Der Hubschrauber verfügt über einen Turbinenantrieb (Turbomecca Arriel). Im Innenraum finden 1 bzw. 2 Piloten und fünf 5 Passagiere Platz. Im Fall der Arbeitseinsätze sind aber die hinteren Sitzreihen ausgebaut gewesen. Die Reisegeschwindigkeit beträgt 220 km/h bei einer Reichweite von 550 km + Reserve.

Zentimetergenau lassen sie an einem etwa 30 Meter langen Stahlseil die an den Lagerstätten aufgenommenen Fahrleitungsmasten ab, wo sie auf die vorgesehenen, in die Fundamente eingegossenen mehrere cm dicken Schrauben exakt aufgesetzt und gleich fest verschraubt werden. Je nach Flugentfernung zu den drei Lagerplätzen dauert der Transport eines jeden einzelnen Masten ein bis zwei Minuten. Auch am Sonntag, 16. Mai 2021 wurde gearbeitet. Hintergrund: In den letzten 14 Tage war es oft stürmisch und regnerisch, so dass die Heli-Transportflüge zu problematisch geworden wären.  

In den Monaten Juni bis August 2021 sollen die alten Schleuderbetonmasten aus den Jahren 1953/54 deomontiert werden. Gleichzeitig werden die Fahrdrähte an den Auslegern der neuen Gittermaste befestigt. Dass während dieser Arbeiten die 15 kV-führnden Leitungen abgeschaltet werden, liegt auf der Hand. 

Die DB informierte Tage vor Beginn der Bauarbeiten für die Erneuerungsmaßnahme. Auf Geschäftsreisende und alle anderen Fahrgäste hat die Neuelektrifizierung ebenfalls Auswirkungen im Rahmen von Fahrplanänderungen:

•    Die ICE-Züge Hamburg (Bremen) – Hannover – Würzburg – Nürnberg – München fahren zweistündlich im Wechsel:
•    In der einen Stunde ab Würzburg über Augsburg nach München. Dabei entfallen die Halte Nürnberg und Ingolstadt. Die Reisezeit verlängert sich um bis zu 25 Minuten.
•    In der anderen Stunde enden die Züge in Nürnberg, die Reisezeit verlängert sich um 30 Minuten. Die Halte in Ingolstadt und München entfallen.
Für Bremen bestehen statt der zweistündlichen Direktverbindungen bis Nürnberg ersatzweise Pendelzüge bis Hannover mit dortigem ICE-Anschluss.
•    Bis 16. Juli entfällt wegen weiterer Bauarbeiten bei diesen Fahrten auch der Halt Kassel-Wilhelmshöhe.
•    Bei den Zügen der ICE-Linie Dortmund/Essen – Köln – Frankfurt – Nürnberg – München verlängert sich die Fahrzeit ab Würzburg geringfügig. In Richtung Dortmund fahren die Züge in München, Ingolstadt und Nürnberg 10 Minuten früher ab.

Historie und Zukunft. Die Strecke Nürnberg/Fürth-Würzburg ist durchgehend zweigleisig. Seit 03. Oktober 1954 ist sie elektrifiziert. Der Trassierung des 19. Jahrhunderts, bei einem minimalen Kurvenradius von 2000 bayerischen Fuß (rund 600 m), sind zahlreiche Geschwindigkeitsreduzierungen auf bis zu 100 km/h geschuldet. So sind die Bahnhöfe von Neustadt (Aisch), Kitzingen und Rottendorf (Einfahrkurve) nur mit 100 km/h befahrbar. Um 1990 liefen die Planungsarbeiten für Linienverbesserungen. Ab 1992 wurden verschiedene Streckenteile ausgebaut. 2007 wurde die Strecke für das Befahren mit aktiver Neigetechnik für bogenschnelles Fahren der  ICE T ertüchtigt. Auf dem 40,9 km langen Streckenabschnitt zwischen Nürnberg und Neustadt (Aisch) wurde die zulässige Geschwindigkeit auf bis zu 160 km/h angehoben. Das Kernstück des Ausbaus war die Ertüchtigung des 28,8 km langen Abschnitts zwischen Neustadt (Aisch) und Iphofen. Mit 14 Linienverbesserungen wurde eine durchgehende Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h erreicht. Auf dem folgenden 32,5 km langen und besonders kurvenreichen Abschnitt zwischen Iphofen und Würzburg waren größere Geschwindigkeitserhöhungen nicht möglich. In fünf Abschnitten waren Geschwindigkeitsanhebungen von 10 km/h auf bis zu 140 km/h vorgesehen.

Geplante Neubaustrecke. Im vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplans 1992 war eine Neubaustrecke zwischen Iphofen und Rottendorf enthalten. Die 24 km lange NBS sollte westlich des Bahnhofs Rottendorf aus der Bestandsstrecke ausfädeln und zunächst im 3,5 km langen Galgenbergtunnel einen Höhenrücken unterfahren, um nach einem Überholbahnhof am Biebelrieder Kreuz auf einer knapp 800 m langen Brücke südlich von Kitzingen den Main zu überqueren. Bei Markt Einersheim sollte die Neubaustrecke in den für 200 km/h ausgelegten Ausbauabschnitt Richtung Neustadt (Aisch)/Nürnberg einmünden. Die zunächst für 300 km/h ausgelegte Neubaustrecke sollte die Fahrzeiten zwischen Iphofen und Würzburg von rund 20 Minuten auf 13 Minuten um ein Drittel verkürzen. Die betroffenen Gemeinden lehnten um 2001 die geplante Neubaustrecke ab. Als Hauptargument wurden dabei die Trinkwasserschutzgebiete der Fernwasserversorgung Franken genannt. Auch die geplanten Kosten sowie die ökologische Empfindlichkeit der durchfahrenen Gebiete werden genannt.

Aktuell sieht der Bund eine 300 km/h-NBS zwischen Nürnberg und Würzburg vor mit einer Reisezeit von 30 min. Realisiert werden soll sie bis Ende der 2030er Jahre. Quelle: DB / DMM