Chicago: 2020 wohl die letzte Automesse

Eine Messe nach der anderen fällt der Corona-Pandemie zum Opfer: Nachdem der Genfer Salon ebenso wie die für April geplante Automesse in New York abgesagt wurde, lohnt es sich, einen Blick zurückzuwerfen auf die gerade gelaufene Automesse in Chicago. Sie wird seit 1901 abgehalten und ist nicht nur in Quadratmetern die größte Show in Nordamerika, sondern – so die Aussteller – auch nach Besucherzahlen.

Vermutlich war die Chicago Auto Show die letzte Auto-Messe in 2020. Foto: ampnet

Vermutlich war die Chicago Auto Show die letzte Auto-Messe in 2020. Foto: ampnet

Klar, es gab Anfang Januar die Consumer Electronics Show in Las Vegas. Aber sie ist eben genau das: Eine Messe für elektronische Gadgets, inzwischen auch für Künstliche Intelligenz, an die sich die Autoindustrie lediglich drangehängt hat. Ähnlich wie an den Palaver-Event SXSW – so die kryptische Abkürzung für den kryptischen Namen "South by Southwest" – in der texanischen Hauptstadt Austin. Die SXSW-Messe sollte übrigens diese Woche beginnen und wurde wegen der Virusgefahr ebenfalls gestrichen.

Nur wenige haben vor einigen Wochen in Chicago damit gerechnet, welche Signifikanz diese Messe erlangen würde. Die Erwartungen waren nicht besonders groß, denn es sollte ja noch etwas nach New York kommen: Die New York International Auto Show war für April in New York angesetzt, und die North American Internationale Auto Show (NAIAS) in Detroit, erstmals nicht im Januar, sondern im Juni.

Doch ob es dazu kommt, darf bezweifelt werden: New York wurde in den August verschoben, Detroit soll nach aktuellem Stand noch abgehalten werden, aber die Furcht vor Massenveranstaltungen hat auch die USA ergriffen: Sollte sich nichts Tiefgreifendes ändern, werden beide Messen dieses Jahr wohl ausfallen.

In Chicago war die Stimmung noch gut: Die Messe fand statt, kurz bevor sich die Nachricht über die pandemische Ausbreitung des Coronavirus international verbreitete. Die Lage schien in Griff, Großveranstaltungen schienen sicher. Diese Zeiten sind vorbei, auch in den Vereinigten Staaten.
Nicht alle Marken waren in Chicago präsent, aber das ist heute nicht einmal mehr bei den internationalen Top-Messen der Fall. Und so gab es dennoch bemerkenswerte Debüts, die für den US-Normalverbraucher Relevanz besitzen, teilweise auch darüber hinaus. Hier sind noch einmal die wichtigsten davon:

Chrysler Pacifica: Es war der Chrysler Voyager, der gemeinsam mit dem Renault Espace den Markt für die Vans und Großraumlimousinen eröffnet hatte. Er erfreut sich bei Familien noch heute großer Beliebtheit. Der Voyager ist in Europa vom Markt verschwunden, in den USA lebt er weiter: In seinen besser ausgestatteten Varianten heißt er Chrysler Pacifica, und es gibt ihn jetzt auch wieder mit Allradantrieb. Für Vortrieb sorgt ein V6-Ottomotor, klassisch oder hybridisiert. Ein Export nach Europa ist vorerst nicht geplant.

Genesis GV80: Er kommt auch nach Europa: Der Genesis GV80, das SUV-Flaggschiff der Hyundai-Nobelmarke Genesis. Das jüngst in Miami vorgestellte Modell zeigt in Chicago erstmals Messepräsenz. Mit seiner Heckantriebs-Architektur ist er nicht ganz so geräumig wie seine profaneren Schwestermodelle Hyundai Palisade und Kia Telluride, kann es dafür jedoch in Sachen Luxus locker mit Premium-Konkurrenten wie dem Mercedes-Benz GLE aufnehmen. Das Interieur der Chicago-Exemplars glänzte mit einer ungewöhnlichen, grün-braunen Farbharmonie.

Hyundai Sonata Hybrid: Der neue Hyundai Sonata ist ein großer Verkaufshit in den USA; in Chicago fokussierte sich die Aufmerksamkeit auf eine benzinelektrische Hybridvariante. Damit soll das Auto eine Reichweite von über 1100 Kilometer erreichen – Werte, die man sonst nur von Dieselmodellen kennt. Für Europa ist der Sonata zunächst nicht geplant und das Vorgängermodell i40 wurde gestrichen, aber die Entscheidung wird im Konzern durchaus kontrovers diskutiert: Soll sich Hyundai wirklich auf Kompaktwagen beschränken?

Jaguar F-Type: Zum ersten Mal auf einer Messe: Der sichtbar überarbeitete Sportwagen Jaguar F-Type mit neuen Scheinwerfern und Rückleuchten. Der Sechszylinder-Kompressor verschwindet und damit leider auch die wahlweise erhältliche Handschaltung; weiterhin gibt es einen Vierzylinder-Turbo und bärenstarke V8-Motoren.

Nissan Frontier: Während Nissan bei seinen Pritschenwagen in Europa auf Selbstzünder setzt, läuft in den USA nichts besser als leistungsstarke Ottomotoren. Deshalb bekommt der Nissan Frontier, Schwestermodell der ersten Generation des Navara, ein Jahr vor der Ablösung durch einen völlig neuen Nachfolger noch einmal einen 3,8-Liter-V6-Motor, der immerhin 310 PS leistet und an einen neunstufigen Wandlerautomaten gekoppelt ist.

Volkswagen Atlas: Soll er nach Europa kommen oder nicht? Wolfsburg prüft immer wieder und hat sich bislang stets dagegen entschieden. In den USA läuft der große SUV namens Atlas sehr gut, für Chicago gabt es ein Facelift, mit dem die Basiskarosserie dem kürzeren, coupéhaften Atlas Cross Sport angeglichen wird. Noch immer gibt es den seidenweichen und leistungsstarken 3,6-Liter-VR6-Motor. Doch VW bereitet die Kundschaft bereits auf eine lediglich vierzylindrige Zukunft vor. Im US-Wettbewerbsumfeld dürfte das leider dafür sorgen, dass die Verkaufszahlen des Atlas künftig nicht mehr in den Himmel wachsen. Quelle: ampnet / DMM