Coradia iLint-Test in Bayern

Während das Wasserstoff-Automobil in weite Ferne (zu Gunsten der batterieelektrischen Pkw) rückt, sieht es bei der Bahn besser aus. So fand am Montag, 08. Juli 2019, eine Präsentationsfahrt mit dem Wasserstoffzug Coradia iLint des Herstellers Alstom von Coburg nach Bayreuth und zurück unter realen Alltagsbedingungen statt. Bei dem Fahrzeug handelt es sich um den einzigen für den Fahrgasteinsatz in Deutschland zugelassenen Regionalverkehrszug ohne Dieselantrieb für oberleitungsfreie Strecken.

Auch Bayern interessiert sich für den Wasserstoff-Zug Coradia iLint. Foto Alstom

Auch Bayern interessiert sich für den Wasserstoff-Zug Coradia iLint. Foto Alstom

Die Fahrt fand in enger Kooperation mit dem Eisenbahnverkehrsunternehmen Agilis, dem Bayerischen Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr sowie der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG statt. Bayerns Verkehrsminister Dr. Hans Reichhart: „Es freut mich, dass wir den Wasserstoff-Zug zu einer Testfahrt unter Alltagsbedingungen nach Bayern holen konnten. Die Fahrt mit dem Prototypen verlief reibungslos. Wir wollen bei den Zügen im Schienenpersonennahverkehr auf umweltfreundlichere Antriebe setzen. Neben der Elektrifizierung forcieren wir die Einführung der Wasserstofftechnik im Bahnbereich wie kein anderes Land. Über 25 Mio. Euro Landesmittel setzen wir beispielsweise ein, um weitere Forschungen an dieser Technologie zu unterstützen.“

Details zum Fahrzeug. Der komplett emissionsfreie Coradia iLint  basiert im wagenbaulichen Teil auf dem zweiteiligen Dieseltriebzug Coradia Lint 54. Ein elektrischer Antriebsstrang mit Stromrichtern und Traktionsmotoren, die auf die vorhandenen Radsatzgetriebe wirken, erzeugt das Antriebsmoment. Statt über eine Fahrleitung wird dieser elektrische Antrieb durch auf dem Dach der beiden Triebzughälften untergebrachte Protonen-Austausch-Membran-Brennstoffzellenanlagen versorgt, die mit Wasserstoff aus den ebenfalls auf dem Fahrzeugdach befindlichen Tanks betrieben werden. Zwei Stockwerke tiefer unter dem Wagenboden befinden sich die Batterieanlagen. Sie puffern die überschüssige elektrische Energie der Brennstoffzelle, speisen die Fahrmotoren und nehmen beim Bremsen rekuperierte Energie auf. Der Coradia iLint  schafft mit einer Tankfüllung dank der hohen Speicherdichte von Wasserstoff etwa 1.000 km und emittiert dabei lediglich Wasserdampf. 

Wertvolle Erfahrungen. Bei der Testfahrt kam eines der beiden Vorserienfahrzeuge zum Einsatz, das am Wochenende zuvor im Rahmen des „Tag der Franken“ seine ersten Kilometer im Freistaat zurückgelegt hatte. Ziel des Herstellers ist, durch umfangreiche Fahrten in verschiedenen Bundesländern die Einsatzmöglichkeiten bei unterschiedlichen Gegebenheiten zu demonstrieren. Der Coradia iLint darf sich als erstes für den Fahrgastbetrieb in Deutschland zugelassenes Fahrzeug mit alternativem Antrieb seit September 2018 im flachen Nordwesten Niedersachsens in zwei Exemplaren mit Fahrgästen an Bord bewähren.

Auch der Freistaat Bayern beabsichtigt, seinen SPNV mittel- bis langfristig auf Fahrzeuge ohne Dieselantrieb umzustellen. Wasserstoffbetriebene Züge stellen dabei grundsätzlich eine interessante Möglichkeit dar, sofern es keine Elektrifizierungsperspektive gibt und Streckennetze sich hierfür als prädestiniert erweisen. In einem ersten Schritt sollen gemäß der von der Staatsregierung beschlossenen Bayerischen Elektromobilitäts-Strategie Schiene (BESS) einzelne Pilotprojekte mit unterschiedlichen Antriebsarten zum Laufen gebracht werden, um ausreichend und belastbare Erfahrungen zu machen. Bei Wasserstoffzügen ist – unabhängig von der Zuganzahl in der betriebenen Flotte – stets eine zusätzliche Infrastruktur zur Betankung und zur Wasserstoffherstellung nötig. Diese kann so gebaut werden, dass sie verkehrsträgerübergreifend genutzt werden kann, beispielsweise von Pkw, Bussen und Nutzfahrzeugen.

Man kann sich auch gut vorstellen, dass sowohl die weitere Entwicklung als auch zunehmender Wettbewerb im Herstellerbereich dazu führen wird, dass sich auch die heute noch hohen Einstiegskosten für den Einsatz einer SPNV-Flotte mit Brennstoffzellen-Fahrzeugen deutlich verringern und damit diese Züge insgesamt bald wirtschaftlicher sein könnten als herkömmliche Dieselfahrzeuge. Quelle: BEG / Alstom / DMM