Der Wendepunkt in dieser Geschichte passiert während einer Präsentation. Maria Forst stellt ihre Flottenstrategie den Unternehmenslenkern vor und schlägt als künftigen Partner Mercedes vor – nach BMW soll es der nächste Premiumhersteller mit Verbrennern werden. Da unterbricht sie einer der Firmenlenker und fragt: „Sicher – mit Verbrennern?"
Wir schreiben das Jahr 2021. Die Annahmen der Travel- und Fleet-Managerin sowie ihrer Vorgesetzten lauten: Für Elektrifizierung ist es noch zu früh, es gibt kaum Modelle mit ausreichender Reichweite. Mit dem Thema E-Mobilität will sie in der nächsten Leasingperiode beginnen – in drei Jahren. Doch es gibt Einwände: Der Vorstand und das Sustainability-Team verweisen auf das Unternehmensziel, so früh wie möglich CO2-neutral zu werden. Schließlich gilt ab dem gleichen Jahr etwa die Mobilitätsrichtlinie, wonach nur noch geflogen wird, wenn das Ziel per Zug nicht in 4,5 Stunden erreichbar ist.
Also beschließen sie: Wir elektrifizieren – jetzt.
Klare Zielvorgaben: Zuverlässigkeit, Kosten, Klimaschutz
„Die Vertriebsteams müssen zuverlässig von A nach B kommen und die Kosten im Rahmen bleiben", erzählt Forst heute. Später kommen die KPIs der Klimastrategie hinzu. Im Vergleich zu 2018 will das Unternehmen „bis 2030 69,8 Prozent der absoluten Scope 1- und 2-Gesamtemissionen reduzieren …", so steht es im Nachhaltigkeitsbericht 2024 auf Seite 84. Und: „...mindestens eine Reduktion von 50,4 Prozent der Scope 3-Emissionen." „Und daran haben Flotte und Geschäftsreisen einen wesentlichen Anteil", weiß Maria Forst.
Hinzu kommt Forsts eigene Zielvorgabe: „Wenn, dann richtig", erinnert sie sich. Der erste Schritt: eine Ist-Stand-Analyse. Sie durchleuchtet die aktuellen Prozesse. „Wo hakt es operativ?" Ein Ergebnis: Die Verbrennerflotte ist zu divers. Oft lassen scheidende Mitarbeiter Fahrzeuge zurück, die neue Kollegen nicht gebrauchen können oder fahren dürfen. „Wir mussten ständig schauen, wie wir die Leute mobil halten." Ein weiteres Resultat: Der Großteil der Unternehmensemissionen fußt damals auf Flugreisen – und der Flotte.
Start der Flottenelektrifizierung: Was eine radikal einfache Herangehensweise verlangte
Vier Jahre später blickt Maria Forst stolz auf diesen Weg zurück. Sie erzählt, wie das Unternehmen damals alles auf einmal umstellte: den Hersteller, den Antrieb, den Leasingpartner. Dass sie diese Gleichzeitigkeit heute niemandem so empfehlen würde. Aber der überkomplexe Mix aus detailreichen Mobilitätsprozessen, Nachhaltigkeitszielen und dem ohnehin normalen Wahnsinn eines Wandels gebar eine radikale Idee – eine, die den Urwald aus unterschiedlichen Budgets, Hierarchiestufen und Ausstattungen entlaubte. Eine, die die Transformation vereinfachte. „Wir haben dem Vorstand vorgeschlagen: Wir führen ein Modell für alle ein."
Tesla scheint im Jahr 2021 das einzige E-Auto zu sein, das wirklich funktioniert: Reichweite, Ladeinfrastruktur, Nutzerfreundlichkeit. Und Maria Forst weiß, dass sie bei diesem Anbieter Unterstützung von oben erhalten wird. „Zwei unserer Vorstände fuhren bereits Model 3." Deren erste Reaktion: „Tesla ist innovativ, das passt zu uns." Aber wirklich nur ein Modell für alle? „Ja, wenn es ein Tesla Model 3 wird."
Warum die Ein-Modell-Strategie funktionierte
Warum sich das Konzept rückblickend durchsetzte? Erstens, weil nun jeder ein Vorstandsauto fährt. Zweitens, weil es ein Statement an die Skeptiker ist: „Wir wollten keine kleinen E-Smarts für den Außendienst, sondern High-End-Modelle." Drittens, weil das Unternehmen nur wenige Ladestationen an den eigenen Bürostandorten benötigt – mit dem Tesla kommt ein Supercharger-Netzwerk. Und: „Wir bieten den Dienstwagenfahrern zudem eine Zuzahlung, wenn sie sich privat eine Wallbox anschaffen."
Und viertens, weil keine Neid-Debatte entflammen kann.
Reichweitenangst überwinden: Kommunikation als Schlüssel
Die erste und größte Hürde ist das Nehmen der Reichweiten- und Ladeängste – vor allem bei den viel reisenden Sales-Mitarbeitern. Fragen wie „Wie weit komme ich wirklich?" sind Dauerbrenner, bis Forst und ihr Team beschließen, einen Dialog auf der intern etablierten Plattform Slack zu koordinieren. Dort beantwortet das Unternehmen Fragen wie „Was mache ich, wenn Säulen belegt sind?" und veröffentlicht How-to-Kurzvideos wie „So lade ich das E-Auto". Führungskräfte erzählen von ihrem Familienurlaub mit dem Tesla.
Den weiterhin größten Kritikern – „Das Laden dauert zu lang! Was tun im Winter?" – empfiehlt das Leadership-Team: Probiert es doch mal aus. Spätestens dieser Tipp überzeugt die letzten Zweifler.
Learnings: Gute Elektrifizierung ist gute Kommunikation
„Das war Change-Management auf Augenhöhe", resümiert Maria Forst. Ihre Erfahrung: Wandel geschieht, wenn die Spitze selbst vorangeht. Aber auch: Mit dem neuen E-Fahrzeug sparen die Mitarbeitenden Geld. Es ist ein Unterschied, „ob ich einen Verbrenner mit einem oder ein E-Auto mit einem Viertel Prozent versteuere."
Zudem profitiert das Unternehmen – zum Beispiel bei den Leasingkosten. Weil Scout24 so früh umstellt: „Ein Leasingkunde, der ausschließlich Tesla haben will – das konnte niemand glauben." Der Händler bot daher einen Preis an, über den Maria Forst nur so viel sagen will: „Finanziell war die Entscheidung ein No-Brainer." Später kommen sinkende Reparaturkosten hinzu: „Sobald du auf E-Auto umstellst, ist kaum ein Motor mehr kaputt." Und ihr finanzielles Fazit heute? Die Leasingraten sind durch Schadensfälle zwar leicht gestiegen. „Insgesamt aber sieht es beim TCO immer noch sehr gut aus."
Positiv lesen sich auch die CO2-Einsparungen: Unter anderem dank der E-Flotte halbiert Scout24 seine Emissionen von 2018 bis 2024. Bestehende Mitarbeitende sind zudem in der Regel Fans und Testimonials der E-Strategie geworden, die die Skepsis von Neulingen mit eigenen Erfahrungen kontern. Forst berichtet von Kollegen mit riesigen Verkaufsgebieten, die andere überzeugen, weil sie „bis zu 50.000 Kilometer im Jahr problemlos mit dem E-Fahrzeug schaffen."
Die Car Policy von Scout24: Eine für alle
Setzt auf Eigenverantwortung, Elektromobilität und Gleichbehandlung – und entfernt alte Hierarchiemuster.
- Einheitliche Car Allowance für alle Berechtigten statt Abstufung nach Management-Level – für vollen Kostenüberblick
- Standardfahrzeuge statt individueller Konfiguration: Diese werden zwar nicht allen Ansprüchen gerecht, verringern aber den Verwaltungsaufwand und beschleunigen die Verfügbarkeit
- Keine Einschränkung bei Lademöglichkeiten: unlimitiertes Schnelladen für alle
Ausblick: Vom Tesla-Dilemma zur nächsten Modellentscheidung
Heute ist die Reichweitenangst in der Flotte aus rund 100 Fahrzeugen in Deutschland und Österreich verflogen. Mitarbeitende im Außendienst berichten von einer neuen Gelassenheit, weil das Laden sie zu Pausen zwingt. Maria Forst selbst resümiert, dass Wandel kein Projekt, sondern ein Zustand ist. Dass sie täglich dazulernt – zu Ladeverhalten, Lieferzeiten, Ersatzteilen. Dass sie für spezielle Poolfahrzeuge eine Ausnahme einführen wird: ein zweites, elektrisches Modell, das sich Teams teilen können. Dass eine gute Elektrifizierungsstrategie auch eine gute Kommunikationsstrategie ist. „Wenn Du die Leute mitnimmst, brauchst Du weniger Kontrolle."
Doch da ist das neue Tesla-Dilemma. Technologisch und infrastrukturell bleibt die Marke stark, aber ihr Unternehmenslenker kollidiert mit den Werten der Scout24-Gruppe. Also prüft Maria Forst Alternativen. „Andere Hersteller haben inzwischen auch überzeugende E-Modelle." Zudem ist die Ladeinfrastruktur deutlich weiter als 2021 – Tesla ist nicht mehr die einzig gute Antwort. Forst nennt zum Beispiel das Aral-Pulse-Ladenetz als Alternative.
Die Richtung ihrer nächsten Präsentation ist klar: Maria Forst wird für 2027 über die Elektrifizierung der Flotten frisch akquirierter Tochterunternehmen sprechen, über Reichweiten, Preise und CO2-Bilanz. Aber auch über Markenfit.
Ihre Rolle: Von der Tankkarte zur TCO-Strategie
Auch Maria Forsts Rolle hat sich gewandelt – von operativen Aufgaben wie Tankkarten, Schadenmanagement und Abrechnungen hin zu TCO-Zielen, Kriterien der Partnerwahl und Argumenten für zukünftige Modellentscheidungen. „Ich arbeite 30 Prozent operativ und 70 Prozent strategisch."
Mobilitätsmanagerin Maria Forst, Scout24„Ich startete operativ, heute bin ich Strategin" Ihr Job: Zur Position als Fleet-Managerin sei sie gekommen, wie die berühmte Jungfrau zum Kind, erzählt Maria Forst, heute 52. Als Scout24 2020 Autoscout verkauft und die verantwortliche Fleet-Kollegin das Unternehmen verlässt, „erbte ich das Thema." Ein Jahr zuvor war sie aus der Touristik (Fokus: Geschäftsreisen) zum Unternehmen gekommen – erst als Travel-, nun auch als Fleet-Managerin. Der Fokus ihres Jobs damals: sehr operativ. Werkstatttermine koordinieren, Strafzettel managen, Autos inklusive Berechtigungen von Ex-Mitarbeitern verwalten. Ihre Job-Beschreibung heute: Mobilitätsstrategin. Einen großen Teil ihrer Zeit widmet sie Fragen wie: Welche neuen Parameter bei der künftigen Wahl der Dienstfahrzeuge, Flotten-Software oder Leasinganbieter gewichten wir wie stark? Ihr Arbeitskontext: Ihre Rolle ist es, Wissen für Entscheider zu akquirieren. Höhere Führungsebenen konsultieren sie vor strategischen Entscheidungen in Fachfragen. Ihre Abteilung hängt im großen Bereich Central Administration und Facility Management, ESG (Environment, Social und Governance) und DEI (Diversity, Equity, Inclusion). Dieser wechselte mit dem Start der Flottenelektrifizierung von Finance zu People – was den Bedeutungswandel der Mobilität von einer Kostenstelle zu einer Personaldienstleistung illustriert. Chief People & Sustainability Officer Claudia Viehweger sitzt im erweiterten Vorstand, dem Executive Leadership Team. Ihre Tools: Ihre Werkzeuge haben sich verändert. Zwar existiert die Excel-Liste noch als „schnelle Nachguckliste", vor allem zur Antizipation von Personalwechseln: Wem gehört welches Auto mit welchen Ausstattungsdetails, wer verlässt das Unternehmen wann? Hinzu kommen personalisierte Online-Reports der Leasingdienstleister – mit Abrechnungen, Infos pro Fahrzeug zu Vertragsdetails, Kilometerstand, Versicherung, Schadensquoten, Ladekosten und Blockierungsgebühren. Ein Kernwert für Maria Forst: „Ein Single Source of Entry für Rechnungen. Das erleichtert Reporting." Ihre Haltung: Wer Maria Forst auf das Hinauszögern der Politik beim Verbrennerverbot anspricht, bekommt eine klare Antwort: „Das kommt viel zu spät." Aber das Reichweitenproblem? Forst berichtet, dass die Außendienstmitarbeitenden bereits 2021 „in fast jedem Örtchen Deutschlands in unter zehn Kilometern Radius eine Ladestation fanden." Maximal drei Orte weiter existiere eine Lademöglichkeit – damals wie heute. Ihr Fazit nach vier Jahren Flottenelektrifizierung: „Wenn ich sehe, wie ruhig Straßen ohne Motorlärm sind und wie sauber die Luft ist, frage ich mich, warum wir überhaupt noch diskutieren." |
Das Unternehmen Scout24 – Die Früh-ElektrifiziererDas Unternehmen betreibt ImmoScout24, eine Online-Plattform für Wohn- und Gewerbeimmobilien. Im September 2025 steigt Scout24 in den DAX auf und löst damit Sportwagenhersteller Porsche ab. CEO ist seit März Ralf Weitz. Die Strategie: „Wir transformieren uns vom Anzeigenportal zu einem vernetzten Ökosystem."
Emissionsentwicklung (in Tonnen CO2)
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