Fernverkehr Italien: Hickhack um Abstandsregelung

Die italienische Regierung hob eine am 31. Juli 2020 angekündigte Lockerung der Sitzplatzfreigabe in Fernzügen, die am 01. August 2020 in Kraft getreten ist, noch am Nachmittag des 01.08.2020 wieder auf. Nur 12 Stunden lang durften mehr Sitzplätze belegt werden, als der Stopp kam. Viele Passagiere warteten umsonst auf den Bahnhöfen. Das Chaos war perfekt, die private Gesellschaft Italo musste acht Hochgeschwindigkeitszüge streichen und 8.000 Tickets annullieren.

Zahlreiche Italo-Hochgeschwindigkeitszüge durften nicht starten nach einem hin unbd her der itakienischen Verkehrs- und Gesundheitsministerien betreffend eine Lockerung der Abstandsregeln. Foto: Italo-NTV.

Zahlreiche Italo-Hochgeschwindigkeitszüge durften nicht starten nach einem hin unbd her der itakienischen Verkehrs- und Gesundheitsministerien betreffend eine Lockerung der Abstandsregeln. Foto: Italo-NTV.

In der Mitteilung des italienischen Infrastrukturministeriums (Ministero delle Infrastrutture e dei Trasporti) vom 31. Juli 2020 hatte Infrastrukturministerin Paola De Micheli Lockerungen  in der Organisation des Fernverkehrs bekannt gegeben mit der Aussage, es sei ab 01. August 2020 erlaubt, vom Ein-Meter-Abstand zwischen Personen an Bord von Fernverkehrszügen in Fällen abzuweichen, in denen - die Luft an Bord sowohl durch die Klimaanlage als auch durch das Öffnen der Außentüren an den Haltestellen erneuert wird, ... - das Ein- und Aussteigen aus dem Zug sowie der Standort am zugewiesenen Sitzplatz, der während der Fahrt unter keinen Umständen verändert werden darf, individuell geregelt werden, um einen engen Kontakt zwischen den Fahrgästen während der Abfertigungsphase zu vermeiden, ..." Italienischen Medien zufolge hatte sich die Infrastrukturministerin nicht mit ihrem Amtskollegen des Gesundheitsministerium abgesprochen, das nichts von der Lockerung wusste. 

Tags darauf erklärte das Verkehrsministerium, es gebe seitens der Regierung keine Genehmigung zur 100 % igen Befüllung bzw. Belegung aller Sitzplätze der Züge. Die dem Erlass des Premierministers vom 14. Juli 2020 beigefügten Richtlinien hatten lediglich eine Abweichung vom in Italien geltenden Social Distancing von 1 Meter  unter bestimmten Bedingungen erlaubt, die, wenn sie umgesetzt worden wären, die Kapazität der Waggons erhöht hätte, ohne dass alle vorhandenen Sitzplätze belegt werden sollten. Seit 01. August Mittag gelten wieder ausnahmslos die bisherigen Abstandsregeln, im Klartext: Die Sitzplatzkapazitäten der Fernzüge dürfen nicht zu 100 % ausgelastet werden.

Dazu hat Italiens Gesundheitsminister Roberto Speranza noch am 01. August ein Dekret erlassen, das keine Hoffnung auf Erleichterung im Zugverkehr macht. In der Verordnung des Gesundheitsministeriums wird bekräftigt wird, dass an allen geschlossenen, öffentlich zugänglichen Orten, einschließlich aller Verkehrsmittel, sowohl der Abstand von mindestens 1 Meter als auch die Pflicht zum Tragen von Mund-Nase-Schutzmasken obligatorisch ist und bleibt. Dies sind die beiden wesentlichen Prinzipien, die wir zusammen mit dem häufigen Händewaschen bewahren müssen, wenn wir mit dem Virus leben".

Nun droht der private Fernzugbetreiber Die Italo - Nuovo Trasporto Viaggiatori S.p.A. – privates italienisches Eisenbahnunternehmen, das in Konkurrenz zur staatlichen Trenitalia Hochgeschwindigkeitsverkehr zwischen italienischen Großstädten an bietet – der Regierung mit Schadenersatzforderungen. Denn das Bahnunternehmen musste etliche Hochgeschwindigkeitszüge absagen, weil sie nach der Anweisung von Minister Speranza illegal unterwegs gewesen wären. „Wir werden unseren Kunden Rückerstattungen leisten“, betonte Exekutiv-Vizepräsident von Italo-Ntv, Flavio Cattaneo. Der Bahnchef brachte gleichzeitig sein Unverständnis zum Ausdruck, dass dieselbe Verordnung des Abstand haltens im Flugzeug nicht gilt. Cattaneo weiter: „Unsere Untersuchungen der Hochgeschwindigkeitszüge beweisen, dass der Luftaustausch in den Waggons um 50 % über dem eines Flugzeugs liegt.“ Auch Italo hat durch den Lockdown etwa 95 % des normalen Umsatzes verloren.

Das Bahnuternehmen Trenitalia (Fernverkehrssparte der FS) ließ ihre Kunden wissen, dass alle Züge nur maximal zu 50 % ausgelastet verkehren dürfen. Aufrecht bleibt zudem das Messen der Temperatur aller Fahrgäste. Quelle: Ministero delle Infrastrutture e dei Trasporti, Trenitalia Italo / DMM