IWConsult berechnet Rettungsfonds für die Tourismuswirtschaft

Die Tourismusbranche will Geld, viel Geld, und alles vom Steuerzahler. Der soll bluten. Und zurückzahlen will die Branche eventuelle stattliche Unterstützung keinesfalls. So jedenfalls stellen sich BTW, DRV & Co., die sich vor allem für die Belange von Reiseveranstaltern und Reisemittlern einsetzen, die Zukunft vor. Wie diese Zukunft aussehen soll, dazu hat der Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft das Institut der Deutschen Wirtschaft (IWConsult) beauftragt, einen konkreten Vorschlag für einen Rettungsfonds für die deutsche Tourismuswirtschaft zu erarbeiten.

In Deutschland stehen laut den Tourismusverbänden zahlreiche Unternehmen vor dem unmittelbaren Bankrott. In der  Kurzstudie von IW Consultg wird die Betroffenheit der Unternehmen der deutschen Tourismuswirtschaft durch die Covid-19-Pandemie analysiert. Mit keinem Wort geht die Kurzstudie darauf ein, dass es der Tourismus selbst war, der die Pandemie ins Rollen gebracht hat. Basis für die Untersuchung waren neun Interviews mit den wichtigsten Verbänden der Tourismuswirtschaft – vergessen wurde u.a. der bedeutendste touristische Verband Deutsches Reisemanagement (VDR) –  und  Umfragen bei den Mitgliedsunternehmen dieser Verbände und öffentliche Statistiken. Die neun Fachverbände wurden nach Abgrenzung des Satellitenkontos Tourismus (TSA) ausgewählt:

  • Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft e. V. (BDL)
  • Cruise Lines International Association (CLIA Deutschland)
  • Deutscher Hotel- und Gaststättenverband e. V. (DEHOGA Bundesverband)
  • Deutscher ReiseVerband e. V. (DRV)
  • Europäischer Verband der Veranstaltungs-Centren e. V. (EVVC)
  • Hotelverband Deutschland e. V. (IHA)
  • Internationaler Bustouristik Verband e. V. (RDA)
  • Verband Deutscher Freizeitparks und Freizeitunternehmen e. V. (VDFU)
  • Verband Internet Reisevertrieb e. V. (VIR)

Auch in Zeiten der Lockerungen der coronabedingten Einschränkungen können viele Unternehmen der Branche noch nicht mit voller Kraft am Markt teilnehmen. Hotellerie und Gastronomie steuern auf lange Phasen des Wirtschaftens mit „angezogener Handbremse“ hin; Reisebusunternehmern oder touristischen Veranstaltern ist auch weiterhin untersagt, am Wirtschaftsleben teilzunehmen. In Deutschland gibt es im Vergleich zu nahezu allen anderen Ländern dieser Welt eine viel zu hohe Dichte an Reisebüros. Rund 10.000 gibt es, mehr als in Nordamerika und halb Europa zusammengenommen. 

Die Tourismuswirtschaft ist eine arbeitsintensive Branche und stellt 6,7 % aller Arbeitsplätze in Deutschland. Das entspricht fast 3,1 Mio. Arbeitsplätze im Jahr 2019. Zusammen steht die Tourismusbranche grob geschätzt für eine Bruttowertschöpfung von gut 120 Mrd. Euro. Hinzu kommen für jeden Euro Wertschöpfung in der Tourismuswirtschaft weitere 74 Cent in der Wertschöpfungskette. Direkt und indirekt hat die Branche einen Anteil von 6,8 % an der gesamten deutschen Wertschöpfung. Der Tourismus erwirtschaftet Umsätze von gut 265 Mrd. Euro (2019), die freilich größtenteils nicht in Deutschland verbleiben.

"Zahlreiche der Arbeitsplätze sind jetzt in unmittelbarer Gefahr – verschwinden die Unternehmen, werden auch die für das Gemeinwohl und den sozialen Ausgleich in Deutschland notwendigen Arbeitsplätze verschwinden. Darum ist es volkswirtschaftlich notwendig, die zahlreichen Betriebe der Tourismuswirtschaft zu retten“, glaubt Dachverbandspräsident Dr. Michael Frenzel. 

Die Studie gibt eine Empfehlung, nach welcher Art ein Rettungspaket für die Tourismusbranche gestaltet werden kann. Ein Element ist für die Branche dabei wesentlich: Es muss kurzfristig ein Rettungsfonds aufgelegt werden, der die Unternehmen durch direkte nichtrückzahlbare Zuschüsse unterstützt. Das freilich ist ein volkswirtschaftlicher Wahnsinn auf dem Rücken aller Steuerzahler. Dabei muss er auf die besonderen Bedürfnisse der Branche zugeschnitten sein: 97 % der Unternehmen der Tourismuswirtschaft fallen in die Gruppe mit weniger als 20 Beschäftigten.

Gutscheinlösung mit Staatsgarantie. Angesichts der zunächst regional beschränkten und inzwischen weltweiten Reisewarnungen sind insbesondere Touristikunternehmen wie Veranstalter, Hoteliers oder Fluggesellschaften erheblich von der Covid-19-Krise betroffen.

Um Liquidität der betroffenen Unternehmen zu sichern, wurde bisher die sogenannte Gutscheinlösung favorisiert. Jedoch gab es zur Gutscheinlösung unterschiedliche Einschätzungen. Gemein ist den Einschätzungen, dass der Umsatzausfall der Reiseunternehmen durch abgesagte Reisen und den daraus entstehenden Rückzahlungsforderungen der Kunden von den Unternehmen nicht mehr allein getragen werden kann. Daher muss nach wie vor eine Lösung gefunden werden, um die Liquidität der besonders betroffenen Reiseveranstalter und Reisebüros zu sichern. Die Studie unterschlägt freilich, wo denn all das bereits von den Kunden an die Reisebüros gezahlte Geld geblieben ist.

In anderen Ländern wie Italien, Spanien oder Griechenland finden Gutschein-Lösungen zum kleinen Teil bereits Anwendung, weil ihre Umsetzung nicht teuer und vergleichsweise schnell möglich ist. Da es sich hierbei um EU-Recht handelt, hat die deutsche Bundesregierung der EU-Kommission vorgeschlagen, für die Pauschalreiserichtlinie mit einer entsprechenden Novellierung die Gutscheinlösung zu ermöglichen und für die Fluggastrechte-Verordnung mittels einer Auslegungshilfe deutlich zu machen, dass Gutscheine in der jetzigen Lage mit der Verordnung regelgetreu sind. Letzteres ist freilich laut Brüssel barer Unsinn.  

Die Tourismuswirtschaft weist darauf hin, dass die Gutscheine mit einer Staatsgarantie unterlegt werden müssten – auch dafür soll der Steuerzahler bluten – damit keine etwaigen Ausfälle für die Gutscheininhaber bei Unternehmensinsolvenzen entstehen. Deshalb sollten die Gutscheine neben der Staatsgarantie auch ein Auszahlungsdatum beinhalten – bspw. in zwei Jahren – und den prinzipiellen Rückzahlungscharakter aufrechtzuerhalten. Dass die Kunden, die bereits Leistungen bezahlt haben, als Kreditinstitute missbraucht werden, erwähnt die Studie ebenfalls nicht. Die Gutscheine beinhalten i.d.R. Pakete – bspw. Flug, Hotel, Mietwagen – deren einzelne Dienstleister sich untereinander abstimmen müssen. Dies führt teilweise zu sehr komplexen Fragestellungen, weil auch noch spezialisierte Zahlungsdienstleister (Kreditkartenfirmen, Aggregatoren) berücksichtigt werden müssen.

Neben der Gutschein-Lösung wird in der Branche deshalb ein Rückzahlungsfonds für Kundengelder diskutiert, in dem alle Rückzahlungsansprüche gesammelt und an die Kunden ausgezahlt werden. Danach müssen die Ansprüche der einzelnen Unternehmen untereinander geklärt, saldiert und durch den Fonds ausgezahlt werden. Die einzelnen Schuldner müssen die Beträge im Rahmen langfristiger und niedrig verzinster Kredite an den Fonds zurückzahlen. In jedem Fall sollte ein Rückzahlungsfonds für die Kundengelder etabliert werden. In diesen staatlich garantierten Rückzahlungsfonds können die Kundengeldzahlungen ausgelagert werden. Damit erhalten alle Reisenden staatlich abgesichert ihre Anzahlung zurück. Die Reiseveranstalter bleiben liquide. Angedacht ist, dass die Veranstalter nach einer gewissen Übergangszeit die entnommenen Mittel wieder zurückzahlen.

Insgesamt ist festzustellen, so IWConsult, dass alle alternativen, in die Zukunft gerichteten Maßnahmen ins Leere laufen, sofern viele Tourismusunternehmen allein durch die Befriedigung von Ansprüchen aus der Vergangenheit Insolvenz anmelden müssen, weil die Liquidität aufgezehrt wird.
Die Tourismusbranche fordert vor allem nicht zurückzahlbare Zuschüsse aus einem Rettungsfonds. Im Klartext: der Steuerzahler muss bluten. Die Auszahlung muss aber beschleunigt werden, um Insolvenzen zu vermeiden. Dabei geht es vor allem darum, die Unternehmen von Fixkosten zu befreien, die durch die geringere Kapazitätsauslastung derzeit zu hohen Verlusten selbst auf der Cashflow-Ebene führen.

Die komplette Studie:http://www.btw.de/cms/upload/Themen/Rettungsfond/Rettungsfonds_fu__r_die_Tourismuswirtschaft.pdfQuelle: BTW / DMM