Kurzstreckenflüge wird es noch sehr lange geben

2019 war zum ersten Mal von "Flugscham" zu hören und zu lesen. Die hatte ihre Ursache in den Diskussionen vor allem um Kurzstreckenflüge, die angeblich wesentlich zum Mensch gemachten Klimawamdel beitragen. Die Debatte war entfacht und wird sich wohl in der künftigen Bundesregierung fortsetzen, gleich ob Jamaika oder Ampel. Dabei gibt es zwei Lager: CDU/CSU und FDP sind für die weitgehende Beibehaltung des Staus quo, Grüne und SPD favorisieren ein perspektivisches Aus für kurze Flüge und die Verlagerung auf die Schiene, wo immer möglich.

Ein vollständiges Aus für Kurzstreckenflüge erscheint wenig realistisch. Foto: Lufthansa

Ein vollständiges Aus für Kurzstreckenflüge erscheint wenig realistisch. Foto: Lufthansa

Indes ist es nicht ganz so, dass sich nicht auch CDU/CSU des heiklen Thema annehmen und sich zumindest eine Reduzierung der innerdeutschen Flugverbindungen vorstellen kann. Immerhin weiß das schwarze Lager, dass es die junge Generation, die zu einem guten Teil zu den Grünen und der FDP bei der jüngsten Bundestagswahl abgewandert ist, nur dann für sich gewinnen kann, wenn es mehr als bisher für den Klimaschutz tut. Dazu aber braucht es bessere Bahnangebote. Allerdings haben ausgerechnet CDU und CSU in der Vergangenheit dazu beigetragen, dass die Schiene in Deutschland massiv abgebaut worden ist.  Insofern erscheint ein vollständiges Aus für Kurzstreckenflüge wenig realistisch. Aber auf Strecken, bei denen die Bahn das bessere Angebot ist, könnten Flüge z.B. von München nach Frankfurt überflüssig werden. Sind erst die Schnellstrecken Ulm-Stuttgart und die Teilstücke der geplanten Neubaustrecke Nürnberg-Würzburg und Nantenbach-Frankfurt fertig, dann brauchen ICE nur noch zweieinhalb Stunden für die 400 km lange Distanz. Mit dem Flugzeug sind es zwischen der bayerischen Landeshauptstadt und Hessens Finanzmetropole einschließlich der langen An- und Abfahrten zu/von den Airports sowie Abfertigungsprozeduren heute schon etwa 3 Stunden.

Selbst der Bundesverband der deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) ist einer Reduzierung innerdeutscher Flüge nicht ganz abgeneigt. Der Luftverkehr trägt mit 4 % aller inländischen Reisen nur einen kleinen Anteil zum innerdeutschen Verkehrsmittel-Mix bei. 96 % der innerdeutschen Reisen finden mit der Bahn, mit dem Auto oder mit dem Bus statt. Insgesamt trägt der innerdeutsche Luftverkehr 0,3 % zu den gesamten CO2-Emissionen in Deutschland bei. Im Jahr 2020, da vergleichsweise wenig geflogen wurde ( ca. 80 % weniger als 2019) waren die Passagierflüge in Deutschland laut OEDC (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) für einen CO2-Ausstoß von insgesamt 9,75 Mio. t verantwortlich, davon entfielen 740.000 t auf eine Inlandsflüge. Die 53 %, die Kurzstreckenflüge am gesamten Flugaufkommen ab deutschen Airports 2020 ausmachten, waren durchwegs kürzer als 1.000 km. 

Nachdem in den vergangenen Jahren mit dem Ausbau von Hochgeschwindigkeitsverbindungen auf der Schiene viele Passagiere auf die Bahn umgestiegen sind, wird innerdeutsch im Wesentlichen nur noch auf langen Strecken geflogen, z. B. die Verbindungen Berlin-Stuttgart oder Hamburg-München. Hier ermöglicht es das Flugzeug den Reisenden als einziges Verkehrsmittel, an einem Tag an- und abzureisen und am Zielort Termine wahrzunehmen. Das wird gerade von Geschäftsreisenden stark nachgefragt. Rund ein Drittel aller Passagiere auf innerdeutschen Flügen reist nicht zu einem Ziel innerhalb Deutschlands, sondern steigt zu einem internationalen Ziel um. Der innerdeutsche Flug ist also Teil einer internationalen Flugverbindung, bei der Reisende etwa von Hamburg über Frankfurt nach Bangkok fliegen. Ein Verbot solcher Verbindungen würde nur dazu führen, dass solche Umsteigerpassagiere für ihre Langstreckenverbindungen nicht mehr deutsche, sondern ausländische Luftverkehrsdrehkreuze (z.B. Paris, Amsterdam, London, Istanbul, Dubai) nutzen würden, argwöhnt der BDL. Geflogen würde also trotzdem, nur nicht mit deutschen Fluggesellschaften und in vielen Fällen stattdessen sogar mit Umwegen.

Thomas Bareiß (CDU), Mittelstandsbeauftragter der Noch-Bundesregierung malt schwarz für die beiden großen Drehkreuze München und Frankfurt, sollte es tatsächlich zu einem Aus von Inlandsflügen kommen. Denn dann würden beide große Airports Marktanteile verlieren.

Statt mit nichts bringenden Verboten arbeiten die deutsche Luftverkehrswirtschaft und die DB AG gemeinsam an der qualitativen Verbesserung der Schnittstellen von Bahn- und Luftverkehr: mehr Bahnverbindungen unter drei Stunden, der Ausbau der Schiene, die Verbesserung des Gepäcktransports auf der Schiene und die Sicherstellung von Anschlusssicherheit etc. Mit diesen Maßnahmen will der BDL mehr Passagiere davon überzeugen, innerhalb Deutschlands den Zug statt das Flugzeug zu wählen. Wenn alle genannten Voraussetzungen gegeben sind, dann sieht der Verband ein Potenzial von ca. 4,3 Mio. Passagieren pro Jahr, die sich für Schiene statt Flugzeug entscheiden könnten. Das entspricht rund jedem fünften Passagier. Rechnerisch hieße das eine Senkung der Emissionen im inländischen Luftverkehr um etwa ein Sechstel.

Was den von den Grünen geforderten Stopp von Dumpingpreisen in der Luftfahrt betrifft, fordert der BDL die neue Bundesregierung auf, sich für eine EU-Regulierung einzusetzen, die Dumpingpreise verhindert. Es sollte künftig EU-weit untersagt sein, Flugtickets zu einem Preis unterhalb der anwendbaren Steuern, Zuschläge, Entgelte und Gebühren zu verkaufen.
BDL-Präsident Peter Gerber: „Flugreisen, die nur aufgrund extremer Billigstpreise angetreten werden, sind nicht im Sinne des Klimaschutzes. Um solche Preise zu unterbinden, braucht es keine neuen wettbewerbsverzerrenden Steuern und Abgaben, sondern eine Anti-Dumping-Regelung auf europäischer Ebene. Flugtickets sollten nicht zu einem Preis unterhalb der anwendbaren Steuern, Zuschläge, Entgelte und Gebühren verkauft werden dürfen.“

Die Luftverkehrswirtschaft sieht es als eine Kernaufgabe an, den Luftverkehr besser in Einklang mit dem Klimaschutz zu bringen. Trotz des pandemiebedingten massiven Einbruchs des Luftverkehrs will der BDL an dieser Aufgabe festhalten. Dazu hat der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft im Dezember 2020 einen Masterplan für Klimaschutz im Luftverkehr vorgelegt und seitdem weitere konkrete Vorhaben zusammen mit Politik und Industriepartnern erarbeitet (DMM berichtete). Und: Der BDL setzt auf Innovation und attraktive Mobilitätsangebote, statt auf Verbote, wenn es darum geht, Fliegen und Klimaschutz in Einklang zu bringen. Quelle: BDL / Die Grünen / CDU/CSU / DMM