Lufthansa Group will ihre Spitzenposition in Europa verteidigen

Die Ergebnisse der Lufthansa Group für Q1 2020 sehen alles andere als berauschend aus. Und ganz schlimm dürfte das zweite Quartal ausfallen. Trotz der Beinahe-Pleite - die hat nur der Steuerzahler verhindert - plant Europas Vorzeige-Luftfahrtunternehmen die Verteidigung seiner Spitzenposition in Europa.

Die Lufthansa Group will trotz Krise ihre Spitzenposition in Europa halten. Foto: LH

Die Lufthansa Group will trotz Krise ihre Spitzenposition in Europa halten. Foto: LH

Der weltweite Luftverkehr ist in den vergangenen Monaten fast vollständig zum Erliegen gekommen. Das hat das Quartalsergebnis von Europas Vorzeigecarrier in einer bisher noch nie dagewesenen Dimension belastet. Angesichts der absehbar nur sehr langsam verlaufenden Erholung der Nachfrage muss mit tiefgreifenden Restrukturierungen gegengesteuert werden, sagt Carsten Spohr, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Lufthansa AG.

Die ursprünglich für den 30. April 2020 geplante Veröffentlichung war aufgrund der Auswirkungen der Coronakrise verschoben worden. Die wichtigsten Kennzahlen wurden bereits in einer Ad-hoc-Mitteilung vom 23. April berichtet.

Die aufgrund der globalen Ausbreitung des Coronavirus erlassenen Reisebeschränkungen haben die Ergebnisentwicklung der Lufthansa Group im ersten Quartal 2020 erheblich belastet. Der Konzernumsatz sank im ersten Quartal um 18 % auf 6,4 Mrd. Euro (Vorjahr: 7,8 Mrd. Euro). Kostensenkungen konnten den Umsatzrückgang im Quartal nur teilweise ausgleichen. Das bereinigte EBIT belief sich im ersten Quartal 2020 auf minus 1,2 Mrd. Euro (Vorjahr: minus 336 Mio. Euro). Das Konzernergebnis betrug minus 2,1 Mrd. Euro.

Krisenbedingte Wertminderungen von Vermögenswerten und die negative Wertentwicklung von Treibstoffabsicherungen belasteten das Konzernergebnis im Quartal erheblich. So nahm der Konzern Wertberichtigungen in Höhe von 266 Mio. Euro auf stillgelegte Flugzeuge sowie von 157 Mio. Euro auf die Firmenwerte von LSG Nordamerika (minus 100 Mio.) und Eurowings (minus 57 Mio.) vor. Die negative Marktwertentwicklung von Hedges zur Treibstoffkostenabsicherung belasteten das Finanzergebnis in den ersten drei Monaten des Jahres mit sage und schreibe 950 Mio. Euro. 60 Millionen Euro bezogen sich dabei auf Hedges, die im ersten Quartal ausgelaufen sind und das Ergebnis cashwirksam belastet haben. Der restliche Betrag spiegelt die Bewertung zukünftig auslaufender Hedges zum Stichtag 31. März wider. Der bereinigte Free Cashflow betrug 620 Mio. Euro. Die Eigenkapitalquote ist im Vergleich zum Jahresende 2019 um 6,7 Prozentpunkte auf 17,3 % zurückgegangen, die Nettoverschuldung um 5 % auf 6,4 Mrd. Euro gesunken. Die Pensionsrückstellungen betrugen 7,0 Mrd. Euro. Sie lagen damit 5 % über dem Niveau am Jahresende.

Verkehrsentwicklung Januar-März 2020. Insgesamt haben die Airlines der Lufthansa Group in den ersten drei Monaten 21,8 Mio. Fluggäste befördert und damit rund ein Viertel weniger als im Vorjahresquartal (- 26,1 %). Der Sitzladefaktor ist in diesem Zeitraum um 4,7 Prozentpunkte auf 73,3 % gesunken. Das Frachtangebot ist um 15 % zurückgegangen, die verkauften Frachtkilometer um 15,5 %. Daraus ergibt sich ein um 0,4 Prozentpunkte geringerer Nutzladefaktor von 62,5 %.

Im April mussten die Airlines der Lufthansa Group einen Rückgang der Fluggäste um 98,1 % im Vergleich zum Vorjahresmonat auf 241.000 verzeichnen. Das Angebot sank um 96,0 %. Der Sitzladefaktor ist um 35,8 Prozentpunkte auf 47,5 % zurückgegangen. Das Frachtangebot lag insbesondere aufgrund fehlender Kapazitäten auf Passagierflügen um 60,7 % niedriger als im April 2019. Die verkauften Frachtkilometer gingen hingegen lediglich um 53,1 % zurück, so dass der Nutzladefaktor um 11,5 Prozentpunkte auf 71,5 % gestiegen ist. Auch im Mai lag das Passagier- und Frachtangebot deutlich unter Vorjahr.

Liquiditätsentwicklung. Die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen (9 Mrd. Euro vom Steuerzahler) sichern die Solvenz des Unternehmens, bis es aus eigener Kraft wieder ausreichend Mittel erwirtschaften kann. Am 31. März 2020 betrug die Liquidität der Lufthansa Group rund 4,3 Mrd. Euro. „Es ist uns gelungen, die Fixkosten innerhalb kurzer Zeit um ein Drittel zu senken. Dennoch verbrauchen wir im operativen Geschäft derzeit rund 800 Millionen Euro unserer Liquiditätsreserve pro Monat. Darüber hinaus werden vor allem Erstattungen von stornierten Flugtickets und die Rückzahlung von fälligen Finanzverbindlichkeiten unsere Liquiditätsentwicklung absehbar belasten“, sagt Thorsten Dirks, Vorstand Digital und Finanzwesen der Deutschen Lufthansa AG.

Umfassende Restrukturierung. „Um die Kredite und Coupons zügig zurückzahlen zu können, werden wir unseren jährlichen Free Cashflow gegenüber dem Vorkrisenniveau deutlich steigern müssen – und das, obwohl die weltweite Nachfrage nach Flügen noch über Jahre unter dem Vorkrisenniveau liegen wird. Dies wird nur gelingen, wenn wir in allen Konzernbereichen Restrukturierungsprogramme durchführen und uns mit den Tarifpartnern auf innovative Lösungen verständigen“, sagt Thorsten Dirks.

Die Lufthansa Group plant, die Stückkosten gegenüber dem Vorkrisenniveau deutlich zu senken. U.a. durch Kurzarbeit für rund 87.000 Mitarbeiter, die Verschiebung oder Streichung geplanter Projekte und die Verschiebung von Wartungsereignissen konnten die Fixkosten gesenkt werden. Zudem werden laufende Restrukturierungsprogramme bei Austrian Airlines und Brussels Airlines weiter verschärft. Brussels Airlines plant eine Verkleinerung ihrer Flotte um 30 % sowie eine Reduzierung der Belegschaft um 25 %. Austrian Airlines hat eine langfristige Verringerung ihrer Kapazität durch eine Verkleinerung der Flotte um 20 %  beschlossen sowie sich mit den Sozialpartnern auf Kürzungen der Personalkosten von rund 20 % geeinigt. In anderen Gesellschaften der Lufthansa Group werden ebenfalls Restrukturierungs- und Kostensenkungsprogramme gestartet werden. Die Verhandlungen mit den Flugzeugherstellern Airbus und Boeing zu umfangreichen Verschiebungen geplanter Flugzeugübernahmen dauern an. Außerdem wird mittelfristig die Veräußerung einzelner Geschäftsbereiche, die nicht zum Kerngeschäft gehören, geprüft.

Kapazitätsentwicklung. Die in den Monaten April und Mai um über 95 % reduzierte Verkehrsleistung hat dazu geführt, dass der Konzern zunächst 700 seiner 763 Flugzeuge geparkt hat. Ab Mitte Juni weiten die Airlines der Lufthansa Group ihre Flugpläne jedoch deutlich aus, auf rund 2.000 wöchentliche Verbindungen zu mehr als 130 Zielen weltweit. Ziel ist es, möglichst viele Destinationen für Urlauber und Geschäftsreisende wieder erreichbar zu machen.

Schrittweise anziehende Nachfrage. Aktuell hat der Vorstand beschlossen, im September bis zu 40 % der ursprünglich geplanten Kapazität wieder anzubieten. Die Zahl der Destinationen steigt gleichzeitig auf 70 % des ursprünglichen Plans bei den Langstrecken und 90 % auf der Kurzstrecke, um den Kunden eine möglichst vielfältige Auswahl an Zielen anzubieten. Dazu wird nun ein stufenweiser Ausbau des Flugplans in den kommenden drei Monaten ausgearbeitet. Dabei wird das Unternehmen den ohnehin bereits eingeschlagenen Kurs, sein touristisches Angebot auszuweiten, beschleunigen.

Das Unternehmen plant mit einer nur schrittweise anziehenden Nachfrage. Es rechnet für das Jahr 2021 mit immer noch 300 geparkten Flugzeugen, im Jahr 2022 voraussichtlich noch mit 200. Selbst nach Beendigung der Krise, die für das Jahr 2023 erwartet wird, geht der Konzern von einer immer noch um 100 Flugzeuge kleineren Flotte aus. Auch für das Drittgeschäft der Servicegesellschaften wird zunächst mit einem erheblichen Nachfragerückgang gerechnet.

Die Airlines der Lufthansa Group haben sich mit umfangreichen Hygienemaßnahmen und der Einführung einer Maskenpflicht an Bord auf eine steigende Nachfrage vorbereitet. Um ihren Kunden in der Coronakrise ein Höchstmaß an Flexibilität zu geben, bieten die Airlines der Lufthansa Group ihren Kunden weiterhin zahlreiche Umbuchungsmöglichkeiten an. Zudem werden die Kapazitäten in den Callcentern kontinuierlich ausgeweitet, um Kunden, die Ihren Flug stornieren, so schnell wie möglich ihre Erstattung auszahlen zu können. Dadurch sollen Ticketerstattungen im dreistelligen Millionenbereich pro Monat möglich werden. Aufgrund der hohen Zahl der Rückerstattungswünsche kann es dennoch weiter zu Wartezeiten kommen.

Ergebnisprognose. Die ungewisse weitere Entwicklung der Corona-Pandemie macht eine präzise Prognose der Ergebnisentwicklung für das Jahr 2020 weiter unmöglich. Die Lufthansa Group rechnet weiter mit einem signifikanten Rückgang des bereinigten EBIT. „Auch in dieser einzigartigen Krise arbeiten wir hart daran, unsere Spitzenposition in Europa zu verteidigen“, sagt Carsten Spohr. Quelle: Lufthansa Group / DMM