Großstädte geraten zunehmend unter Druck. Knapp sieben Millionen Beschäftigte pendelten 2024 in eine der 80 größten Städte Deutschlands, 80.000 mehr als im Vorjahr. Oft sind es Wohnkosten, die Menschen ins Umland ziehen. Im Vergleich zur Großstadt sind die Immobilienpreise dort aktuell um bis zu 60 Prozent günstiger. Dafür nehmen viele in Kauf, länger im Auto zu sitzen: Der ADAC registrierte für 2025 478.000 Stau-Stunden, sieben Prozent mehr als 2024. Die Stadt mit den meisten Stehstunden ist München – mittlerweile ist es dort so eng, dass Handwerker Aufträge in der Innenstadt wegen Parkplatzmangel ablehnen.
Mikromobilität scheint zu kommen
Bedeuten diese Entwicklungen eine Chance für elektrische Kleinstfahrzeuge? Startet nun die Ära der Mikromobilität? Ja, prognostiziert McKinsey: „Der weltweite Markt für Mikromobilität hatte im Jahr 2022 ein Volumen von rund 160 Milliarden US-Dollar; bis 2030 soll er auf 340 Milliarden US-Dollar wachsen.“ Umfragen würden zeigen: Rund 70 Prozent der Verbraucher weltweit sind bereit für Mikromobilität.
Das Setzen auf ein Minivehikel ist nicht neu. Das zeigen Beispiele wie der Citroën Ami oder die Marke Microlino. Die Verkäufe dieser Kompaktfahrzeuge haben sich in fünf Jahren mehr als verdoppelt. Andere Entwickler wie Aemotion, Cixi oder Xyte setzen auf das Konzept des Kabinenrollers, das BMW vor zwei Jahrzehnten aufgrund mangelnder Kundenresonanz einstellte. „Wir haben in der dreijährigen Laufzeit 35.000 Exemplare verkauft. Das Fazit war, dass er ein bisschen zu früh kam“, sagte jüngst ein BMW-Vertreter im französischen Fernsehen.
Heute gilt die französische Hauptstadt als Pionierin frischer Mobilität. In den Jahren unter der Bürgermeisterin Anne Hidalgo verdoppelte Paris sein Radnetz auf rund 1.500 Kilometer, entstanden Grünflächen, Spielplätze und eine autofreie Promenade an der Seine. Der Anteil des Autoverkehrs im Stadtkern halbierte sich in den 2010er-Jahren auf sechs Prozent. Der Radverkehr in der Stadt stieg zwischen 2018 und 2023 um 240 Prozent.
Xyte: Für urbane Dienstleister mit kleinem Gepäck
Die Macher von Xyte sind in Paris, um den Xyte One im französischen Fernsehen zu präsentieren. Marketingchef Christoph Walz und Salesprofi Gianfranco Pizzuto sind aufgeregt. Am nächsten Morgen wird der Moderator mit ihrem elektrischen Kleinfahrzeug über das Set fahren, einen „Hybrid zwischen Elektroauto und dreirädrigem Roller“ ankündigen und Details aufzählen:
- 2,10 Meter lang,
- 110 km/h Höchstgeschwindigkeit,
- 13.000 Euro Preis.
Woran merken sie, dass die Ära der Elektroleichtfahrzeuge beginnt? Am Interesse von Servicetechnikern wie Aufzug-Reparateuren oder Dienstleistern in der häuslichen Pflege, so Walz und Pizzuto. Attraktiv ist der Xyte One auch für Menschen mit kleinem Gepäck, die in der Stadt schnell von Ort zu Ort kommen wollen. Der öffentliche Sektor sei aber ebenfalls relevant. Aktuell elektrifiziere die spanische Polizei ihre Flotte. „Alle mögen, dass er leichter zu fahren ist als ein Motorrad, aber besseren Schutz bietet“, erklärt Christoph Walz. Dabei konkurrieren sie in Mehrfahrzeughaushalten mit einem Auto und Pendler-Gewohnheiten wie 40-Kilometer-Strecke, Sakko, Parkplatz. „Da wir keine Wechselbatterie haben, fokussieren wir uns auf Leute mit eigenem Ladepunkt“, sagt Walz.
Unternehmenskunden seien hingegen noch nicht relevant. „Flottenmanager sind bei einem noch nicht verfügbaren Produkt zögerlich“, meint Gianfranco Pizzuto. Da das Fahrzeug vergleichsweise teuer ist, schließen sich B2B-Bereiche mit kleinen Margen, wie das klassische Delivery-Geschäft, eher aus. Für Firmenkunden gibt es noch kein direktes Leasing. Privatkunden und Selbstständige können jedoch bereits über den Partner Jobroller ein Arbeitnehmerleasing nutzen, ähnlich dem Jobrad-Prinzip. Die Produktion startet im Juni 2026.
Microlino: Mobilität für kleine und mittlere Unternehmen
Bereits auf dem Markt ist der Microlino. Merlin Ouboter ist Co-Founder des Schweizer E-Kleinstautos, das bisher rund 5.000 Microlinos in Europa auf die Straße gebracht hat. Pro Jahr kommen etwa 1.500 Neuzulassungen hinzu, die Tendenz ist steigend. „Unser Wachstum liegt im Schnitt zwischen 10 und 15 Prozent pro Jahr.“
Der Microlino besticht durch sein charmantes Design, eine selbsttragende Karosserie aus Stahl und Aluminium und die praktische Größe: Drei Microlinos passen auf einen durchschnittlichen Parkplatz. „Die aktuelle Zielgruppe besitzt meist schon ein Langstreckenfahrzeug; der Microlino ist dann der Ersatz für den Zweit- oder Drittwagen oder den Roller“, so Ouboter. Die Kunden sind mit durchschnittlich 40 Jahren etwas jünger als der typische Autokäufer. Die durchschnittliche Strecke pro Trip liegt bei etwa 25 Kilometern.
Welche Indizien sieht Ouboter für den Beginn einer neuen Mobilitäts-Ära? Zunächst werden Autos größer, das Nutzungsverhalten bleibt aber unverändert. „Im Schnitt sitzen 1,2 Personen im Auto bei einer täglichen Distanz von rund 40 Kilometern, im urbanen Bereich oft bei geringen Geschwindigkeiten“, beobachtet er. „Daher sehen wir als Konkurrenz auch kleine Pkw wie den Mini Cooper oder den Fiat 500.“ Außerdem füllen neue Anbieter den jungen Markt, z. B. Legacy-Brands wie Stellantis Pro One mit dem Elektro-Transport-Dreirad Tris oder Dacia mit dem Hipster. Micro akquiriert überdies erste Kunden für sein eigenes Auto-Werk in Turin. „Wir fanden ursprünglich keinen Auftragsfertiger, der zu unseren Preisvorstellungen herstellen wollte. Jetzt merken wir, dass andere vor derselben Challenge stehen“, führt Ouboter aus. Deshalb hat Micro seine Produktion geöffnet – und bietet Services wie Contract Manufacturing an. Ein Partner ist die portugiesische Firma Ceiia und ihr Fahrzeug Ben.
Welches Signal bekommt das Unternehmen aus dem gewerblichen Markt, zum Beispiel von Flottenkunden? Auf diese Frage antwortet Ouboter: „Wir sind stark bei kleinen und mittleren Unternehmen, die bis zu fünf Fahrzeuge als lokalen Marketingfaktor nutzen.“ In der Region wisse dann jeder: „Das ist der Elektriker mit dem Microlino.“ Hinzu kommen große Partner wie die Fluggesellschaft Swiss, die das Fahrzeug am Flughafen Zürich einsetzt, sowie Roche und Rolex. Ein spannendes Beispiel ist die BLT Baselland Transport AG, die 41 Microlinos als Teil eines Mobilitätsbudgets für ihre Mitarbeitenden bietet.
Mikromobilität: Ein Markt-Ausblick
Was die kommende Ära der Mobilität prägen könnte:
- Es werden noch mehr Kleinstvehikel auf die Straßen strömen: Bolt investiert rund 25 Millionen Euro in eine neue Generation von E-Scootern. Im Frühsommer 2026 sollen rund 20.000 Bolt 7 nach Berlin und Hamburg kommen.
- Noch mehr Anbieter werden um staatliche Förderungen buhlen. Micro zum Beispiel braucht in der Schweiz für Zuschüsse eine Einordnung als Auto, wird aber noch als Motorrad kategorisiert. „In Italien waren 150 Millionen Euro für Leichtfahrzeuge innerhalb von 24 Stunden vergriffen“, berichtet Christoph Walz von Xyte. Dort bekommen Käufer bis zu 4.000 Euro Prämie. „Und in Deutschland qualifizieren sich Leichtfahrzeuge nicht für diese Förderungen“, ergänzt Gianfranco Pizzuto.
- Zu klären ist auch die Frage, wie sehr Städte welche Fahrzeuge in den Ballungsgebieten haben wollen. Paris zum Beispiel erhebt Parkgebühren in Abhängigkeit der Fahrzeuggröße.
Und wo steht die Mikromobilität in fünf Jahren? Merlin Ouboter wagt einen Ausblick: „Wir planen bereits neue Modelle, die preislich erschwinglicher sind, um die breite Masse zu erreichen.“ Gianfranco Pizzuto betont: „Die junge Generation kann sich oft kein eigenes Auto mehr leisten, will aber trotzdem mobil sein. Das ist unsere Chance.“ Vielleicht ist es auch eine Chance für Großstädte?
