Regionalbahnen brechen Fahrgastrekorde

Während Bund und Länder um eine Neufestsetzung der jährlichen Bundesmittel für den Nahverkehr ringen, fahren Deutschlands erfolgreichste Regionalbahnen Jahr für Jahr neue Fahrgastrekorde ein. Die Allianz pro Schiene hat 13 Bahnen aus fast allen Bundesländern ausgewählt, die mit ihren Kundenzuwächsen den Beweis erbringen, dass sogar Stilllegungskandidaten zu regelrechten Fahrgastmagneten werden können.

Wie das Erfolgsrezept lautet, lässt sich am Beispiel dieser Erfolgsbahnen studieren: ein dichter Fahrplan, gute Anschlüsse, moderne Fahrzeuge, einfache Tarife, eine leistungsfähige Infrastruktur, Kundenorientierung und regionale Verbundenheit des Unternehmens. „Die Menschen strömen in die Züge, wenn das Angebot stimmt“, sagte der Geschäftsführer der Allianz pro Schiene, Dirk Flege bei der Vorstellung der Erfolgsbeispiele in Berlin. Umso bedauerlicher sei es angesichts der Fahrgastzahlen vieler Regionalbahnen, dass der Bund derzeit den weiteren Ausbau des Nahverkehrs finanziell ausbremse.  

Regiobahn und UBB: Die Tausendprozenter Klassenbeste bei den Fahrgastzuwächsen ist die Regiobahn (Nordrhein-Westfalen), die seit 1998 auf der Strecke Kaarst – Mettmann ein Plus von sagenhaften 4.412 % eingefahren hat und nach Wuppertal verlängert wird.

Die Usedomer Bäderbahn (Mecklenburg-Vorpommern) brachte es seit 1992 auf Zuwächse von 1.153 % und bindet inzwischen sogar den polnischen Teil von Usedom an. Beide Strecken hatten nach jahrzehntelanger Vernachlässigung noch in den 90er Jahren unter Fahrgastschwund und Stilllegungsplänen zu leiden. Neue Fahrzeuge und eine sanierte Infrastruktur ermöglichen heute kürzere Fahrzeiten bei dichterem Takt. Der Erfolg der Angebotsverbesserung überflügelte sofort alle Erwartungen, Regiobahn und UBB fahren in Stoßzeiten hart an der Kapazitätsgrenze.

Taunusbahn, Schönbuchbahn, Paartalbahn und RE 1 im Vorwärtsgang. Enorme Zuwächse verzeichnet auch die Strecke der Taunusbahn (Hessen) zwischen Brandoberndorf und Bad Homburg mit Anbindung nach Frankfurt/M.. Heute fährt die Taunusbahn so erfolgreich (+ 633 % seit 1989), dass die Züge regelmäßig überfüllt sind.

Die Strecke der Schönbuchbahn Dettenhausen - Böblingen, auf der heute die Württembergische Eisenbahngesellschaft (WEG) Fahrgastrekorde aufstellt (+ 300 % seit 1998), konnte nur gerettet werden, weil Bürger die Ärmel hochkrempelten und Mitte der 90er Jahre die Gleise eigenhändig vom Gestrüpp befreiten. Heute gehört die Schönbuchbahn genauso wie die bayerische Paartalbahn (+ 72 % seit 2008) zu den erfolgreichsten Regionalbahnen Deutschlands.

Stilbildend war 1994 der erste Regionalexpress von DB Regio, der als RE 1 auf der Strecke Magdeburg – Berlin – Frankfurt/Oder ein neues Kapitel in der Geschichte des deutschen Nahverkehrs aufgeschlagen und seitdem ein Fahrgastplus von 463 %  eingefahren hat.

Ballungsraum oder weites Land - hohe Zuwächse möglich. Erfolgsverwöhnt sind seit jeher die S-Bahnen in Ballungsräumen. Das Beispiel der S-Bahn Hamburg (Hamburg/Niedersachsen) zeigt für den Abschnitt Hamburg-Neugraben – Stade, wie sich auch auf hohem Niveau in kurzer Zeit neue Fahrgäste (+ 57 % seit 2007) gewinnen lassen.

Auch die Nordbahn in Schleswig-Holstein und die Niederbarnimer Eisenbahn (NEB) in Brandenburg fahren beachtliche Erfolge auf teils ländlichem Terrain ein: Nordbahn + 267 %, NEB auf der Heidekrautbahn + 134 %.

Dass dünnbesiedelte Regionen mangels Nachfrage auf einen Personenverkehr auf der Schiene verzichten müssen, erweist sich nach der Aufstellung der Allianz pro Schiene als Vorurteil: Die Erzgebirgsbahn (Sachsen) konnte auf der Strecke Chemnitz – Annaberg-Buchholz seit 2007 beachtliche Fahrgastzuwächse von 99 % verzeichnen.

Kleiner Grenzverkehr kommt gut an. Den Einfallsreichtum regionaler Aufgabenträger und Verkehrsunternehmen wussten die Fahrgäste regelmäßig zu schätzen – auch bei Fahrten ins Ausland. Die Saarbahn (Saarland) verkehrt seit 1997 grenzüberschreitend nach Lothringen und bietet Ansagen in Deutsch und Französisch: + 88 %.

Die Euregiobahn (Nordrhein-Westfalen) befährt nach 20 Jahren Stillstand im niederländisch-deutschen Grenzverkehr die Traditionsstrecke Münster – Gronau – Enschede seit 2001 erstmals wieder durchgängig: + 92 % lautet das Urteil der Fahrgäste in Zahlen.

Die Erfurter Bahn (Thüringen) durchfährt auf der Strecke von Gera nach Hof drei Bundesländer: Thüringen, Sachsen und Bayern. Die Reisenden bedanken sich mit kräftigen Zuwächsen: + 97 %.

Sparrunde im boomenden Nahverkehr nicht zu vermitteln. Die Länder haben ihren Bedarf von 8,5 Mrd. Euro gutachterlich ermittelt, aber der Bund tritt auf die Bremse. Die Aufstellung der Allianz pro Schiene zeigt eindeutig: Die Menschen in Deutschland wollen mehr Schienenverkehr“, sagte Flege. „Die Fahrgäste erwarten, dass die Züge beim Takt und beim Komfort mit den Pendlerströmen mitwachsen. Eine Sparrunde im boomenden Nahverkehr wäre den Reisenden schwer zu vermitteln.“

Ende November hatte der Bundesrat einen Gesetzentwurf beschlossen, der eine deutliche Erhöhung der jährlichen Bundesmittel für den öffentlichen Nahverkehr ab dem Jahr 2015 vorsieht. Auf Grundlage eines Gutachtens fordern die Länder vom Bund eine deutliche jährliche Erhöhung der Mittel für die Bestellung ihres Nahverkehrs, um die stetig steigenden Betriebs-, Energie- und Personalkosten aufzufangen und den Nahverkehr weiter auszubauen. Ab 2015 benötigen die Länder 8,5 Mrd. Euro pro Jahr, eine Dynamisierung von 2 % für jedes Jahr und eine langfristige Planungssicherheit bis 2030. Im Jahr 2014 hat der Bund 7,3 Mrd. Euro überwiesen. Für das Jahr 2015 plant die Bundesregierung statt einer langfristigen Neuregelung nur eine Vertagung des Themas bei einer moderaten Erhöhung von 1,5 %.

Die Allianz pro Schiene unterstützt die Forderung der Länder, weil die Kürzungsrunden in den Jahren 2007 und 2008 und zu knapp bemessene Steigerungsraten seit 2009 bereits jetzt zu spürbaren Engpässen im Nahverkehr auf der Schiene geführt haben. Die Regionalisierungsmittel, die die Länder seit der Bahnreform erhalten, stammen aus dem Mineralölsteueraufkommen des Bundes. Im aktuellen Koalitionsvertrag hatte sich die Bundesregierung vorgenommen, den Schienenverkehr zu stärken, was sie nun offensichtlich nicht mehr weiß. Quelle: Allianz pro Schiene / DMM.