Starker Rückgang der Autobranche in Tagungshäusern

Sinkende Auslastung, steigende Kosten und wachsender Modernisierungsdruck setzen Tagungshäuser unter wirtschaftlichen Stress. Besonders betroffen sind ländliche Standorte – mit Folgen für den MICE-Markt und die regionale Tagungsinfrastruktur.

Vereine, Musikgruppen, Arbeitsteams, Schulklassen - sie alle fahren für Gemeinschaftszeit in Tagungshäuser. Eigentlich. Die Nachfrage lässt nach. Einige Häuser versuchen, kreativ die Kurve zu kriegen.

München (dpa/lby) - In täuschend echter Harry Potter-Verkleidung laufen Jugendliche über das Gelände der Burg Rothenfels in Franken. Eine Woche lang tauchen sie gemeinsam mit einem großen Rollenspiel in die Welt der Hexerei und Zauberei ein. Für die Burg bedeutet die Jugendgruppe alles andere als Zauberei: Sie hilft, mit der teils harten Wirtschaftsrealität als Tagungshaus klarzukommen, sprich genügend Geld einzunehmen.

Seit Corona hat sich die Nachfrage nach Tagungshäusern in Bayern verändert. Die meisten Häuser berichten von gestiegenen Ansprüchen - bei gleichzeitig sinkender Zahlungsbereitschaft sowie kürzeren und kurzfristigeren Buchungen - besonders in der Autobranche.

Nicht modern genug - Aus für manche Tagungshäuser

«Wir sind froh, dass wir Stammgruppen haben, die jedes Jahr mit teils 80 bis 100 Leuten Zeit bei uns verbringen», sagt Stefan Brand, Marketingreferent der Burg. Herausfordernder sei es, neue Kunden zu motivieren. Bei denen stiegen die Komfort-Ansprüche. Etwa sei eine Dusche im Zimmer statt auf dem Gang gewünscht - andere Tagungshäuser in Bayern bestätigten das.

Einige Betriebe mussten bereits schließen. Bei den Jugendherbergen sind es laut Landesverband vor allem Häuser im ländlichen Raum, die den Wandel zu mehr Komfort nicht geschafft haben und aufgegeben wurden. Die Modernisierung sei einfach zu teuer. Weitere Schließungen drohen. «Auch so ein attraktiver Standort wie Regensburg verliert Gäste, weil die Qualität und das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht mehr stimmen», sagt Marko Junghänel vom bayerischen Landesverband des Deutschen Jugendherbergswerks mit Sitz in München.

Der Verband der Kongress- und Seminarwirtschaft Degefest mit Sitz in Oberhausen berichtet Ähnliches. Häuser mit Investitionsstau seien nicht mehr wettbewerbsfähig - und daher in ihrer Existenz bedroht.

Rüstungsindustrie statt Autobranche

Zudem spüren die Tagungshäuser, dass das Geld in der Bevölkerung angesichts der wirtschaftlichen Lage nicht mehr so locker sitzt. Die Jugendherbergen in Bayern verzeichneten 2024 etwa sechs Prozent weniger Übernachtungen als noch 2019. «Viele Familien haben früher ihren Zweit- oder Dritturlaub in einer Jugendherberge verbracht und den in den nun wirtschaftlich schwierigeren Zeiten gestrichen», so Junghänel.

Der Degefest-Verband meldet für 2025 sogar einen Auslastungsrückgang zwischen 10 und 15 Prozent für fast alle Tagungshäuser. «Insbesondere die Kunden aus dem Automotivbereich haben ganze Seminarreihen storniert», sagt Gerald Schölzel, Degefest-Vorstandsbeisitzer für Tagungshotellerie sowie Geschäftsleiter des Bildungszentrums Kloster Seeon in Oberbayern. Als neue Zielgruppe habe sich allerdings die Rüstungsindustrie aufgetan.

Dass immer mehr Tagungen hybrid oder ganz online stattfinden, koste weitere Übernachtungsgäste, heißt es von den Jugendherbergen. Das spüre man vor allem in den Messestädten wie Nürnberg und München. 

Etwas anders sieht es laut Jugendherbergsverband bei Schulklassen aus. Die kämen noch gerne und oft und seien beim Komfort weiter genügsam. Aber viele Klassen würden weniger Übernachtungen pro Reise buchen. Es fehle an staatlicher Förderung für die pädagogischen Programme der Klassenfahrten.

Tagungshäuser als Ort der gesellschaftlichen Mitte gefährdet

Weniger und kürzere Buchungen sowie steigende Ansprüche bei gleichzeitig steigenden Kosten - das ist für manche Häuser eine unlösbare Gleichung: Personal, Lebensmittel, Brandschutz, Umbauten für Barrierefreiheit, energetische Sanierungen und Modernisierungen - das alles kostet. Am Markt lassen sich die Preissteigerungen nicht immer durchsetzen, vor allem nicht bei veralteten Häusern, erläutert Jugendherbergssprecher Junghänel.

Wenn Tagungshäuser teuer werden oder gar schließen, hat das auch politische Folgen. Das meint Peter Buhrmann vom in Berlin ansässigen Verband der Bildungszentren im ländlichen Raum, zu dem unter anderem das Haus der bayerischen Landwirtschaft in Herrsching gehört. 

«Tagungshäuser stehen für gesellschaftliche Vielfalt», sagt Buhrmann. Sie seien ein Ort, an dem sich Menschen aus verschiedenen Milieus begegneten. «Und wo sich Menschen begegnen, werden Vorurteile abgebaut und die gesellschaftliche Mitte gestärkt.» Auch Buhrmann wünscht sich mehr staatliche Förderung. «Wenn Förderung wegfällt, werden die Kurse teuer. Das sehe ich als Gefahr, dass sich die soziale Schicht der Teilnehmer ändern wird.» 

"Freiere Bahn für Extremisten"?

Besonders gefährlich sei es, wenn Häuser schließen. «Wenn freie Bildungsstätten verschwinden, dann gibt es freiere Bahn für Extremisten. Ich fürchte sogar, dass wir eine Übernahme erleben könnten», so Buhrmann. «Wenn ein Haus schließen muss, wer kommt dann und übernimmt es? Da mache ich mir große Sorgen.»

In ähnlicher Weise betont der Jugendherbergsverband die gesellschaftliche Wirkung von Tagungshäusern: Tagungshäuser seien «Begegnungs- und Lernorte der Demokratie». «Wir leisten nachweislich einen Beitrag zur persönlichen Entwicklung und letztlich zum Zusammenhalt der Zivilgesellschaft», sagt Junghänel.

Mehr Marketing nötig

Auch der Burg Rothenfels ist Vielfalt bei Gästen und Programm enorm wichtig. Bewegung, Musik, Handwerk, Politik, Religion - das Angebot ist groß. Die Burg hat aber auch einiges an Geld in die Hand genommen, um zu modernisieren. Nicht nur im Bau, auch im Marketing. Denn mehr Kundschaft herzaubern, das können selbst die Jugendlichen des Harry-Potter-Fantasy-Wochenendes nicht.