Umweltorganisationen fordern sofortiges Aus für Kurzstreckenflüge

Während die Airlines rund um den Globus aufatmen und ihre Inlands- und internationalen Verbindungen wieder massiv ausbauen, fordern in Deutschland anlässlich der Koalitionsgespräche 14 Organisationen der Umwelt- und Mobilitätswende-Bewegung ein sofortiges Verbot von Ultrakurzstreckenflügen und einen sozial gerechten und ökologischen Ausbau des Bahnverkehrs. Die Initiativen erinnern SPD, Grüne und FDP damit an ihre Klimaschutz-Versprechen im Wahlkampf.

Ein sofortiges Aus für Kurzstreckenflüge fordern zahlreiche Umweltorganisationen von der möglichen künftigen Regierungskoalition aus SPD, Grünen und FDP. Foto pixabay

Ein sofortiges Aus für Kurzstreckenflüge fordern zahlreiche Umweltorganisationen von der möglichen künftigen Regierungskoalition aus SPD, Grünen und FDP. Foto pixabay

Der Geschäftsreisebranche würde ein Ende der Inlandsflüge den nächsten Schlag versetzen. Denn längst nicht alle Kurzstreckenflüge lassen sich durch Bahnfahrten ersetzen. Wo das möglich ist, hat der Bundesverband der Luftverkehrswirtschaft aufgezeigt (DMM berichtete).

Das Pariser Abkommen, das Klimaurteil des Bundesverfassungsgerichts vom März dieses Jahres und das deutsche Klimaschutzgesetz verlangen, dass klimaschonende Alternativen zum Flugverkehr vorgezogen werden. "Der Flugverkehr ist die klimaschädlichste und ungerechteste Form der Mobilität. Unnötige Kurzstreckenflüge abzuschaffen, ist eine längst überfällige und einfach umzusetzende Sofortmaßnahme für Klimaschutz", sagt Jonas Asal, Flugverkehrsreferent bei der Umweltorganisation Robin Wood.

Die Unterzeichnenden fordern ein sofortiges Verbot von Ultrakurzstreckenflügen, deren Ziele innerhalb von vier Stunden mit dem ICE erreichbar sind. Durch Umsetzung des Deutschlandtakts und weitere Bahnoptimierung könnten bis 600 Kilometer Entfernung ohne Komfortverlust auf die Bahn verlagert werden. Eine repräsentative Forsa-Umfrage von September belegt, dass rund 50 % der Befragten sogar ein komplettes Verbot von Inlandsflügen fordern. "Die Hälfte aller innerdeutschen Flüge kann bereits jetzt durch eine Bahnfahrt von maximal vier Stunden ersetzt und dadurch jährlich 1,6Mio. t  CO2 eingespart werden", so Werner Reh, Sprecher des Arbeitskreises Verkehr des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). "Es ist völlig unverständlich, warum Ultrakurzstreckenflüge in Zeiten der Klimakrise überhaupt noch erlaubt sind. Wir brauchen Züge statt Flüge!"

Als zweiten Schritt sollen auch Kurzstreckenflüge bis 1.500 km überflüssig gemacht werden. Tamara Hanstein von Attac: "Die künftige Regierung muss die Weichen für einen zukunftsfähigen Bahnverkehr stellen. Bahnfahren muss deutlich attraktiver und günstiger werden." Die Behörden und Unternehmen müssen ihre Reisekosten-Richtlinien ändern und Anreize setzen, damit die Bahn und Videokonferenzen genutzt werden. Um die Verlagerung des Flugverkehrs zu beschleunigen, ist es notwendig, ungerechte Subventionen für den Flugverkehr zu streichen. Bereits im August dieses Jahres hatten acht Umweltverbände ein Maßnahmenpaket für mehr Klimaschutz im Luftverkehr vorgelegt.

Zu den Erstunterzeichnern des Forderungspapiers zählen: Robin Wood, Attac, der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Jugend im Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUNDjugend), Stay Grounded, die Bundesvereinigung gegen Fluglärm (BVF), Am Boden Bleiben, die Initiative Klima-, Umwelt- und Lärmschutz im Luftverkehr e.V., das Aktionsbündnis gegen den Flughafenausbau Leipzig-Halle, Bürger für die Reduzierung der Belastungen des Luftverkehrs in Hamburg und Schleswig-Holstein (BAW HH|SH), das Bündnis Verkehrswende Frankfurt, Schöne Städte e.V., das Forum Ökologie & Papier, sowie die Initiative gegen Fluglärm im Vordertaunus.

Keine andere Art der Fortbewegung verbrennt so viel Energie wie das Fliegen, sagen Wissenschaftler in aller Welt. Die Klimawirkung des Flugverkehrs setzen sich zum einen aus den direkten CO2-Emissionen sowie anderen Faktoren zusammen, wie insbesondere Stickoxide und Wasserdampf in hohen Luftschichten (Nicht-CO2-Effekte). Der Weltklimarat IPCC schätzt die Klimawirkungen dieser Faktoren zwei- bis fünfmal höher ein, als die durch CO2. Aktuelle Studien gehen davon aus, dass die Klimawirkung des Flugverkehrs insgesamt bei 4,9 % liegt.

Und das, obwohl der Flugverkehr nur einem kleinen Teil der Erdbevölkerung zur Verfügung steht. Denn 90 % der Weltbevölkerung haben noch nie ein Flugzeug von innen gesehen. Die Industrieländer sind die Hauptverursacher. Und die Menschen im globalen Süden und ärmere Menschen leiden stärker unter den Auswirkungen des Klimawandels.
Das Wachstum des Luftverkehrs ist dabei subventionsgetrieben. Mit 11,8 Mrd. Euro wurde der Luftverkehrssektor in Deutschland alleine im Jahr 2016 subventioniert, indem Kerosin von der Energiesteuer und internationale Flüge von der Mehrwertsteuer befreit werden. Hinzu kommt, dass viele Flughäfen ohne Steuergelder der Länder und Kommunen längst pleite wären und die meisten Billigflieger nicht fliegen würden. Die Luftverkehrssteuer, die 2011 eingeführt und 2020 erhöht wurde, war ein erster Schritt zum Subventionsabbau.

Dennoch hat die Politik bisher größtenteils versagt. Drei Flughafenkonzepte blieben ohne Wirkung. Sie hatten die Ausbauwünsche des Sektors zusammengefasst, Umweltverbände wurden nicht beteiligt. Das soll jetzt anders werden beim Luftverkehrskonzept: Der BUND hat seine Vorschläge eingereicht, um den Luftverkehr in die Klimaschutzziele der Bundesregierung und eine Gesamtverkehrsstrategie einzubinden, Kurzstreckenflügen auf die Schiene zu verlagern, ein Flughafensystem in Deutschland zu entwickeln und den Fluglärm zu mindern.

Denn auch beim Fluglärm gibt es zu wenig Fortschritte. Über 20 % der Bevölkerung fühlen sich durch Fluglärm belästigt. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen hat schon im März 2014 die Defizite des Lärmschutzes und der Planung von Flugrouten schonungslos aufgezeigt.

Luftverkehr schädigt Menschen und unsere Umwelt. Der BUND fordert daher ein Luftverkehrs- und ein Flughafenkonzept, die nicht nur auf Wachstum setzen. Stattdessen muss strategisch überlegt werden, welche Flughäfen benötigt werden und wie Deutsche Bahn und Airlines wie die Lufthansa kooperieren können. Vermeidbare Ultrakurzstreckenflüge müssen auf die Schiene verlagert oder vermieden werden, beispielsweise durch das Ersetzen von Geschäftstreffen durch Videokonferenzen.

Zudem braucht Deutschland Lösungen für nicht verlagerbare Flüge. Diesen müssen durch Optimierungen in den Flugrouten, technische Entwicklungen und sinnvolle Klimaabgaben klimafreundlicher werden. Aber technische Lösungen können den Flugverkehr auch langfristig nicht emissionsfrei machen, daher braucht es für den Flugverkehr zusätzlich nachhaltig produzierte E-Fuels. Diese dürfen aber nur für notwendige Flüge eingesetzt werden. Die Branche muss insgesamt stärker in die Pflicht genommen werden, technische und andere Lösungen schnell einzusetzen oder die Forschung in solche zu intensivieren. Quelle: BUND / DMM