Wirtschaftsskandal trifft auch die Reisebranche

Deutschland hat wieder mal einen handfesten Bilanzskandal und Wirtschaftskrimi. Es geht um das Zahlungsdienstleistungsunternehmen Wirecard AG, das u.a. für den Touristikkonzern TUI oder auch den Flughafen München tätig ist. Der Dax-Konzern Wirecard AG sollte am Donnerstag, 18. Juni 2020 nach mehrmaligem Hinauszögern und Terminverschiebungen endlich seinen Jahresabschluss für 2019 veröffentlichen. Jetzt kam heraus, dass das Unternehmen in der Vergangenheit falsche Angaben zu Täuschungszwecken mit aufgeblähten Bilanzen gemacht haben soll, melden namhafte Wirtschaftsblätter.

Bei der Durchsicht der Bilanzen für das Jahr 2019 hatten Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young (EY) Hinweise auf falsche Angaben zu Täuschungszwecken gefunden. Konkret fehlten Nachweise über Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von 1,9 Mrd. Euro. Die Summe entspreche etwa einem Viertel der Konzernbilanzsumme. Am 18. Juni 2020 musste Wirecard dann eingestehen, dass besagte 1,9 Mrd. Euro in ihrer Bilanz nicht belegt werden können, woraufhin der Aktienkurs des Unternehmens an einem Tag zwischenzeitlich mehr als 70 % fiel.

Wirecard galt als einzigartige Erfolgsgeschichte: In nur zwei Jahrzehnten schafften es die Bayern vom Start-up in die Eliteklasse des deutschen Aktienmarkts, den Dax. Vorstandschef und Großaktionär Markus Braun galt als Visionär, der mit seiner Vorstellung vom Bezahlen der Zukunft einen Konzern formte, der sogar die Deutsche Bank übertrumpfte und die Commerzbank aus dem Dax verdrängte. Am Donnerstag, 18. Juni 2020 dann das jähe Ende.

Wirecard prüft die Kreditwürdigkeit von Kunden und garantiert deren Bezahlung auch bei Zahlungsausfall. Für damit verbundene Risiken erhält Wirecard als Makler zwischen Käufer und Händler weniger als 2 % des Zahlbetrages, zusätzlich umfängliche Kundendaten. Ein Schwerpunkt ist das Reisegewerbe. So hatte Wirecard 2007 die Zahlungsabwicklung und Kreditkontrolle für den Touristikkonzern TU und 2014 für KLM Royal Dutsch Airlines übernommen. Des Weiteren ist der Flughafen München einer der Partner aus der Reisebranche. Auch das Produkt Supplier and Commission Payments (SCP) der Wirecard ist auf das Reisegewerbe zugeschnitten. Dabei werden virtuelle Kreditkarten für Auszahlungen an Partner und Zulieferer ausgegeben, etwa für Provisionszahlungen. So können internationale Zahlungen über den elektronischen Versand von virtuellen Kreditkartennummern abgewickelt werden. Zudem ist das Unternehmen Partner von Aldi.

Während die Finanzaufsicht Bafin und die Münchener Staatsanwaltschaft die Vorgänge bei Wirecard unter die Lupe nehmen, planen Aktionärsvereinigungen rechtliche Schritte. Dem Zahlungsdienstleister droht nun eine Klagewelle enttäuschter Investoren Noch im Lauf des Donnerstag stellte der Aufsichtsrat Vorstandsmitglied Jan Marsalek mit sofortiger Wirkung frei. Quelle: Handelsblatt / Wiwo / DMM