Corona bringt Digitalisierungsschub – aber nicht für alle

In der Corona-Pandemie ist die Arbeit vieler Menschen binnen kurzer Zeit digitaler und vernetzter geworden. Doch nicht für alle Beschäftigten hat die Corona-Krise einen Digitalisierungsschub mit sich gebracht, wie eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi) und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt.

Längst nicht für alle Beschäftigten hat die Coronakrise bisher einen Digitalisierungsschub gebracht. Foto: unsplash

Längst nicht für alle Beschäftigten hat die Coronakrise bisher einen Digitalisierungsschub gebracht. Foto: unsplash

Profitiert haben vor allem hochqualifizierte Beschäftigte, die ihre Arbeit im Homeoffice erledigen konnten. Die Polarisierung nach Bildung hat im Vergleich mit der Zeit vor der Pandemie sogar zugenommen. Corona trägt damit zu einer neuen digitalen Spaltung der Erwerbsbevölkerung bei.

Die Studie beleuchtet erstmals für verschiedene Beschäftigtengruppen, wie stark die Pandemie die Nutzung vernetzter digitaler Technologien verändert hat. Die Forscher:innen befragten dafür im Mai und Juni 2020 repräsentativ rund 1.800 Erwerbstätige. Konkret wurde gefragt, ob digitale Anwendungen wie etwa Cloud-Dienste, Online-Plattformen oder selbstlernende Computersysteme im Vergleich zum Februar 2020 häufiger für die Arbeit Verwendung fanden.

Für die Mehrheit der Erwerbstätigen hat in den ersten Monaten der Pandemie die Nutzung digitaler Technologien am Arbeitsplatz zugenommen. 50 Prozent gaben an, dass sie diese Technologien zum Zeitpunkt der Befragung häufiger verwendeten als zuvor. 44 Prozent der Befragten taten dies genauso häufig wie vorher. Betrachtet man das formale Bildungsniveau der Erwerbstätigen, zeigen sich allerdings Unterschiede. Während fast 57 Prozent der akademisch Gebildeten angaben, digitale Technologien häufiger zu nutzen, trifft das nur für 49 Prozent Befragten ohne Hochschulbildung zu.

Wichtiger als der formale Bildungsgrad sind aber die Tätigkeiten, die Erwerbstätige in ihrem Job ausüben. Die Forscher:innen unterschieden zwischen analytischen, interaktiven und manuellen Tätigkeiten. Beschäftigte mit stark analytisch geprägten Tätigkeiten wie dem Schreiben längerer Texte oder dem Durchführen komplexer Berechnungen erfuhren in den ersten Monaten der Pandemie einen deutlichen Digitalisierungsschub. So gaben 70 Prozent an, digitale Technologien stärker als zuvor zu nutzen. Bei Beschäftigen in stark interaktiven Tätigkeiten wie zum Beispiel der Beratung von Kund:innen oder Patient:innen traf dies auf 63 Prozent der Befragten zu. Dagegen berichten nur 29 Prozent der Erwerbstätigen in stark manuell geprägten Jobs, bei denen körperliche Anstrengungen nötig sind, von einem Zuwachs an Digitalisierung.

Die gravierendsten Unterschiede zeigen sich jedoch zwischen Beschäftigten, die im ersten Lockdown zuhause arbeiten konnten, und denjenigen, die weiterhin vor Ort ihrer Arbeit nachgingen. Während 73 Prozent der Beschäftigten im Homeoffice von einer Zunahme der Nutzung digitaler Technologien berichteten, lag dieser Anteil bei denjenigen, die nicht im Homeoffice waren, nur bei 38 Prozent. „Insbesondere das Homeoffice scheint für einen Digitalisierungsschub gesorgt zu haben“, sagt WZB-Forscher Martin Ehlert, einer der Autor:innen der Studie.

Im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie zeigt sich, dass sich die Polarisierung nach Bildungsgruppen während der Pandemie verstärkt hat. Vor Corona bestimmten insbesondere die Tätigkeitsprofile der Beschäftigten, ob die Nutzung digitaler Technologien zugenommen hat. Während der Pandemie erlebten hingegen Akademiker:innen auch unabhängig von ihrer Tätigkeit eine stärkere Digitalisierung. In der Summe hat die Pandemie also nicht wie häufig angenommen zu einer umfassenden Digitalisierung der Arbeitswelt für alle geführt. Stattdessen haben vor allem akademisch gebildete Beschäftigte, die mehr als vor der Pandemie von zuhause aus gearbeitet haben, vernetzte digitale Technologien stärker als unmittelbar vor der Krise genutzt.  „Diese neue digitale Spaltung der Erwerbsbevölkerung dürfte sich in den vergangenen Monaten weiter verschärft haben“, meint Autor Benjamin Schulz.

Eine digitale Spaltung der Erwerbstätigen könnte langfristig auch Folgen für die Weiterbildung haben. „Digitale Technologien werden zunehmend auch für digitales Lernen genutzt. Damit könnten Beschäftigte, die diese Werkzeuge bis heute nicht nutzen konnten, künftig bei der Jobsuche immer mehr ins Hintertreffen geraten“, betont Martin Ehlert.

Die Studie beruht auf Daten einer Zusatzbefragung der Startkohorte 6 des Nationalen Bildungspanels unter 1.799 Beschäftigten, die vor Februar 2020 erwerbstätig waren. Quelle: WZB / DMM