Flugingenieur hätte B737 MAX-Abstürze verhindert, Boeing hörte ihm nicht zu

„Boeing rejected 737 MAX safety upgrades before fatal crashes“, meldet die Seattle Times. Sieben Wochen nach dem zweiten tödlichen Absturz einer B 737 MAX in Äthiopien reichte der 33-jährige Flugzeugingenieur Curtis Ewbank eine interne Beschwerde (ethics charge) beim Boeing-Management (managers and senior executives) ein. Er und sein Team hatten bei der Entwicklung der B737 MAX die Gefahren, die vom seiner Meinung nach unzureichenden Flugzeugsteuerungssystem „Maneuvering Characteristics Augmentation System“ (MCAS) ausgehen, erkannt und dreimal Verbesserungsvorschläge gemacht, die die verheerenden Unglücke hätten verhindern können. Aber alle drei Vorschläge seien abgeschmettert worden. Boeing will sich zu den Vorwürfen nicht äußern.

Boeing-Flugingeniaur sah die Abstürze der 737MAX kommen, seine Verbesserungsvorschläge schmetterten aber Vorgesetzte ab. Foto: Mike Spiegel

Boeing-Flugingeniaur sah die Abstürze der 737MAX kommen, seine Verbesserungsvorschläge schmetterten aber Vorgesetzte ab. Foto: Mike Spiegel

Die Begründung für die Ablehnung: Es würden den Kunden (Airlines) zusätzliche Kosten entstehen, die man denen nicht zumuten wolle. Ewbank’s Aufgabe bei Boeing ist es, frühere Flugzeugunfälle und sonstige Zwischenfälle zu analysieren und Programme zu entwerfen, die Flugzeuge sicherer machen. Kopien der schriftlichen Beschwerden bzw. Verbesserungsvorschläge des Flugingenieurs liegen der Seattle Times vor. Aus denen ist zu ersehen, dass Ewbanks Vorschläge, wären sie denn umgesetzt worden, die Abstürze der beiden B 737 MAX (Lion Air und Ethiopian Airlines) hätten verhindern können.

Bei den Verbesserungsvorschlägen von Ewbank handelt es sich um den bei der 737 MAX nicht erfolgten Einbau der Synthetic Airspeed-Anzeige (eine zu den Pitotsonden ergänzende Kontrolle der Fluggeschwindigkeit), wie sie z.B, in allen Dreamlinern installiert ist. Das System berechnet die tatsächliche Fluggeschwindigkeit relativ zur Luft. Dabei wird das Tempo des Flugzeugs aus Daten der Anstellwinkel-Sensoren und anderer Quellen sehr exakt berechnet. Im Klartext: Das System entdeckt, wenn Daten der Anstellwinkel-Sensoren falsch sind. Mit dem System des Synthetic Airspeed lässt sich verhindern, dass Daten angezeigt würden, von denen man wisse, dass sie unzuverlässig seien, ist in Boeings Präsentation der 787 zu lesen. Das Fatale: Das System kostet ein paar Dollar mehr, erfordert aber zusätzlichen Trainingsaufwand der jeweiligen Airline-Piloten. Und zusätzliche Schulungsstunden sind nicht gerade billig.

Zweimal betonten Vorgesetzte des Ingenieurs, dass seine Vorschläge nicht unerhebliche finanzielle Konsequenzen für die Ausbildung bzw. das Training der Piloten hätte und hohe Kosten bei den Boeing-Kunden verursachen würde. Und als bei einem Meeting mit 737 MAX Chef-Projekt-Ingenieur Michael Teal die Ideen Ewbank’s erneut besprochen wurden, hatte der die gleichen Einwände wie die beiden vorhergehenden Manager und lehnte ebenfalls ab.

Die Redakteure der Tageszeitung interviewten dazu auch drei Kollegen des Ingenieurs, die seine Aussagen bestätigten. Aus den Unterlagen schließen die Journalisten, dass etwas mit der Unternehmenskultur bei Boeing nicht stimmen kann. Insbesondere ergeben sich Zweifel an der von Boeing stets propagierten Priorität der Sicherheit. Denn bei der 737 MAX scheinen die verantwortlichen Manager die Themen Kosten und schnelle Auslieferung (weil Konkurrent Airbus mit seiner A320/21neo schon weiter war) über die Sicherheit gestellt zu haben. 

Ewbank, seit neun Jahren beim Flugzeugbauer beschäftigt, ist aktuell für das B 777-X-Programm tätig. Wie die Seattle Times weiter meldet, überzeugte das Boeing Management 2014 die Luftaufsichtsbehörde „Federal Aviation Administration“ (FAA) die Sicherheitsstandards für die B737 MAX herabzusetzen, was Alarmanzeigen in den Cockpits betrifft. Das geht aus Dokumenten hervor, die der Tageszeitung ebenfalls vorliegen.

Der Luftfahrtkonzern erklärte zum Vorwurf, er verfüge über Prozesse, um sicherzustellen, dass solche Beschwerden gründlich geprüft würden. Beide Abstürze der Lion Air- und der Ethiopian Airways B737 MAX  konnten die Piloten nicht verhindern, weil das MCAS sich nicht kontrollieren ließ. Der Ausgang ist bekannt: 346 Tote. Quelle: Seattle Times / DMM