Protokoll einer Geschäftsreise

Freitag, 27. März 2020. Wir haben einen geschäftlichen Termin um die Mittagszeit in Neuss auf der anderen Rheinseite von Düsseldorf. Navi ist programmiert, 07.30 Uhr, ab geht’s auf die Autobahn A3 am Biebelrieder Kreuz. Den Tag werde ich wohl so schnell nicht vergessen.

Gähnende Leere in Fraport's T1 Halle A. Fotos. Gernot Zielonka

Gähnende Leere in Fraport's T1 Halle A. Fotos. Gernot Zielonka

Auf der Anzeigetafel viele Flüge, so gut wie alle gestrichen.

Auf der Anzeigetafel viele Flüge, so gut wie alle gestrichen.

Zugang für Business Class- und First-Passagiere - absolut tot.

Zugang für Business Class- und First-Passagiere - absolut tot.

Ankunftsebene am Terminal 1 des Frankfurter Flughafens: So gut wie kein Abholer und Zubringer.

Ankunftsebene am Terminal 1 des Frankfurter Flughafens: So gut wie kein Abholer und Zubringer.

Taxichauffeure ohne Arbeit.

Taxichauffeure ohne Arbeit.

Am Frankfurter Flughafen Fernbahnhof: Ein fast schon gewohntes Bild: Verspätungen.

Am Frankfurter Flughafen Fernbahnhof: Ein fast schon gewohntes Bild: Verspätungen.

Würzburg Hauptbahnhof. Keine Menschenseele. Ein Geisterbahnhof.

Würzburg Hauptbahnhof. Keine Menschenseele. Ein Geisterbahnhof.

Der 27. März war für uns ein echter Ausnahmetag. Mal nicht zuhause im Home Office. Von unseren zahlreichen geschäftlichen Terminen in den Monaten März und April, die meisten davon im Ausland, war nur dieser eine übrig geblieben.

Was uns wenige Minuten nach unserem Start auffällt: Normalerweise und an einem Freitag erst recht ist die A3 um diese Zeit schon brechend voll, zwei Spuren sind belegt durch Lkw, die linke Spur für alle anderen. Diesmal ist es anders. So gut wie kein Pkw auf der Fernstraße und freie Fahrt so weit das Auge blickt, wären da nicht die Massen an Lkw in beiden Fahrtrichtungen. Die Brummikapitäne freuen sich, dass sie manchmal sogar auf allen drei Spuren dahin rauschen und die wenigen Pkw, die noch unterwegs sind, blockieren können. Zwischendurch werfen die Herrn Lkw-Chauffeure ihre Essensreste auf den Mittelstreifen oder rechts neben den Standstreifen. Wir haben freie Fahrt. Von Würzburg bis Aschaffenburg, gute 80 km, sehen wir keine 50 Pkw in unserer Fahrtrichtung. Dann die sonst übliche Staustrecke von der Rastanlage Weiskirchen bis zum Autobahnkreuz Frankfurt. Normalerweise steht man auf dem 15 km langen Abschnitt von Weiskirchen über Obertshausen bis zum Kreuz Offenbach. Erst recht an Freitagen. Wenn wir, wie bis vor Corona, am Morgen zum Frankfurter Flughafen mussten, kosteten uns diese 15 km meistens 30 bis 60 Minuten on top. Diesmal freie Fahrt. Und es geht so weiter.

Ein kurzer Blick nach links auf das Areal des Frankfurter Flughafens (den wir am frühen Abend aufsuchen), dort erkennen wir zig herumstehende Flugzeuge. Und vorbei. Von Würzburg bis Frankfurt haben wir sicher an die 50.000 Sattelzüge und Hänger passiert. Wahnsinn. Auch die Rastanlagen und Parkplätze quellen mit Lkw über. Selbstverständlich blockieren die Brummis auch alle Pkw-Stellplätze, sind sowieso kaum Reisende unterwegs. Dann in Medenbach Ost kleine Pause für ein dringendes Bedürfnis. Ist das Restaurant überhaupt offen? Sanifair kostet heute nichts. Gut so. Drinnen im Gastraum keine einzige Seele außer zwei Bediensteten, die Chips-Tüten herum räumen. Weiter auf der A3 Richtung Köln. So wenige Autos haben wir noch nie auf der A3, die nördlich die Domstadt umfährt, erlebt. Schließlich die Abfahrt nach Neuss. Da sind’s dann schon ein paar Autos mehr. Im Gewerbegebiet der Großstadt auf der gegenüberliegenden Seite von Düsseldorf, das so groß ist wie eine mittlere Kleinstadt, gespenstische Stille. Am Standort des Unternehmens, das wir aufsuchen, sind von hundert Beschäftigten keine zehn anwesend. Vor uns ein Gast. Den müssen wir erst durch die Haupteingangstüre lassen, wir bleiben draußen. Dann sind wir dran, nach dem Eingang eine Schleuse, auch da müssen wir erst abgeholt werden. So ist das zurzeit.

Meeting unter vier Augen beendet. Gutes Ergebnis, wie fast immer. Unser Magen grummelt. Zwar hatten wir uns Bananen mitgenommen und Getränke, aber irgendwie war uns nach Deftigerem. Restaurants? Alle zu. Dann ein Supermarkt. Rein, aber nichts Passendes gefunden. Raus begleitet uns ein Servicemann, der uns an der einzigen geöffneten Kasse, hinter der sich im 1,5 Meter-Abstand die Kunden stauten, vorbeilotste. Und was jetzt? Ach ja, wir haben da noch einen Thai mit Über-die Straße-Verkauf gesehen. Gebratene Nudeln, das iss‘ es. Aber sie gleich dort verspeisen, das ist verboten. Also wieder ins Gewerbegebiet. Dort auf einem Parkplatz so groß wie ein ganzes Dorf raus aus dem Auto und auf den Asphalt neben unser Auto gesetzt. Not macht erfinderisch. Sitzgelegenheiten gab es ja nicht.

Schließlich kurz vor 14 Uhr zurück Richtung Heimat. Erst über die A57 Richtung Köln, dann weiter über die A1 und A61 bis Koblenz, rüber über die A 48 zur A3. Auch auf diesen Fernstraßen wahre Massen an Lkw und sehr wenige Pkw. An der Kleinraststätte Grenzau kurz vor Höhe Grenzhausen wollten wir nochmal eines der angezeigten WCs aufsuchen. Doch Pustekuchen. Geschlossen. Also weiter auf die A3, kurz hinter Montabaur Heiligenroth West. Ein Glück, wieder eine kostenfreie Sanifair-Anlage.

Erlebnis Frankfurt. Ich fuhr noch bis zum Flughafen, von wo aus ich mit dem Zug weiter nach Würzburg wollte. Auf Ankunfts- und Abflugebene vielleicht zehn Pkw und einige wenige Taxen. Kein Bus. Nichts. Normalerweise geht es hier zu wie im Ameisenhaufen mit hunderten mehr oder weniger durcheinander parkenden Autos. Dann auf der Rolltreppe hoch zum Verbindungsgang vom Terminal 1 zum Fernbahnhof. Ich bin allein. Kein Mensch zu sehen. Im Übergang zum Fernbahnhof begegnen mit einige junge Chinesinnen (???). Dann runter zu Gleis 4, wo ich den ICE 723 nach Würzburg nehmen wollte. Die Betonung liegt auf „wollte“. Die DB-Lounge hatte natürlich geschlossen, was sonst? Unten am Bahnsteig angekommen, bin ich wieder beinahe mutterseelenallein. Fährt vielleicht kein Zug? Kann nicht sein. Auf den Gleisen 5 und 6 stehen zwei ICE. Aber es steigt weder jemand ein noch aus. Nur zwei Bundespolizisten und zwei Zugbegleiterinnen unterhalten sich aufgeregt. Am Zugzielanzeiger lese ich, dass mein ICE 723, der eigentlich um 16.36 Uhr abfahren sollte, 55 Minuten Verspätung hat, der ICE 1011 auf Nachbargleis 5 gar 80 Minuten. Und hätte jemand einsteigen wollen, wäre er nur bis Mannheim statt Stuttgart gekommen. Das wurde immer wieder durchgesagt. Überhaupt hatten alle ICE ewig Verspätung. Die Richtung Köln durften gar nicht erst starten. Was war los? Es häuften sich die Durchsagen für mich und eine Hand voll weiterer Bahnfahrgäste, die sich inzwischen eingefunden hatten, dass bei Montabaur Personen im Gleis wären und deswegen keine Züge fahren könnten. Was mache ich in den gut 70 Minuten, die ich mehr Zeit hatte? Schau‘ ich doch mal rüber ins Terminal 1. Ich laufe durch den Verbindungsgang zurück, die Rollbänder sind abgeschaltet. Die Kiosks unterwegs sind bei auf einen, der allerlei Backwaren und Snacks anbot, alle dicht. Auch kein AirRail-Check-in, alles tot. Blick Richtung Sheraton-Hoteleingang, auch dort nur Leere.

Auf meinem Fußmarsch durch den Verbindungsgang begegnen mir wieder merkwürdigerweise nur einige wenige asiatisch aussehende Menschen. Ich weiß, die Bundesregierung hat bis jetzt zugelassen, dass Maschinen aus China in Frankfurt landen dürfen. Welcher Irrsinn, damit wurde Corona erst richtig befeuert. Drüben am Terminal 1 am oberen Ende der Rolltreppen ein erster Blick hinab zur Halle A, gespenstische Stille. Niemand zu sehen. Dann zwei, vielleicht drei Fraport-Bedienstete, die derzeit sicher auch nicht ganz sorgenfrei sind. Alle Schalter geschlossen. Nichts. An der elektronischen Anzeigentafel stehen zwar viele Flüge und Flugziele, i.d.R. aber mit dem Verweis „gecancelt“. Schon ein beklemmendes Gefühl. Ich habe mit meinen zahllosen geschäftlichen Flügen in den zurück liegenden zwei Jahrzehnten so etwas auch noch nie erlebt.

Draußen auf der Ankunftsebene fünf Taxen, wo sonst zig Droschkenkutscher auf zahlungsfreudige Kundschaft warten. Die Hand voll Taxichauffeure unterhält sich in irgendeiner fremden Sprache, in ihren Gesichtern erkenne ich Ratlosigkeit.

Zurück zum Fernbahnhof. Um 17.30 Uhr rollt mein Zug ein, ein ICE3. Ich steige ein. Drinnen gähnende Leere. Ich glaube, ich habe einen kompletten Fernzug für mich fast alleine. In Frankfurt Hauptbahnhof stehen wir eine Zeitlang herum, ich glaube, es ist niemand eingestiegen. Inzwischen haben wir schon 1 Stunde und 5 Minuten Verspätung. Dann endlich geht es weiter. Mehrfach die Durchsagen, dass das Bordbistro geschlossen und kein Am-Platz-Service weder in der 1. Noch der 2. Klasse möglich ist. Hinter Hanau kommt ein Zugbegleiter vorbei. Er will meinen Fahrausweis sehen, und die BahnCard. Habe ich ja und erinnere mich an den Tipp zweier Bekannter, man könne jetzt, da die Bahn auf die Fahrschein-Kontrolle verzichtet, es auch mal ohne Ticket probieren. Aber so unverschämt will ich nun doch nicht sein. Außerdem ist es nur peinlich, wenn man als Schwarzfahrer erwischt werden würde, noch dazu als Geschäftsreisender.

Würzburg Hauptbahnhof, 19.15 Uhr. Ich steige aus und  mit mir vielleicht zwei oder drei weitere Fahrgäste. Will denn niemand mit den Zug weiter nach Nürnberg oder München? Am Bahnsteig sehe ich niemand. Und, wie nicht anders zu erwarten, meine Anschlussverbindung weiter nach Kitzingen ist längst weg. Also nochmal gute 30 Minuten warten. Zum Glück soll der Regionalexpress, der auch schon mit Verspätung und mit beinahe Null Fahrgästen aus Nürnberg kam, fahrplanmäßig starten.

Es ist inzwischen dunkel. An den Bahnsteigen pfeift ein eisiger Wind. Ich stehe ganz alleine herum, keine Seele zu sehen. Beinahe im Minutentakt laufen ICE, IC und Regionalzüge ein. An den Waggon-Scheiben erkennt man, die Züge sind leer. Statt geschäftigem Treiben mit en- und aussteigenden Fahrgästen absolute Stille. Nur die durchfahrenden Güterzüge und Lautsprecher-Durchsagen „stören“ die unheimliche Atmosphäre. Nicht anders ist es in der Empfangshalle. Alle Länden geschlossen, auch das DB Service-Center. So ganz alleine fühlt man sich auch als Mann nicht gerade wohl. Ich komme mir vor wie in einer fernen Zeit, da sich die Menschheit nicht nur um ihren Verstand, sondern um alles Leben gebracht hat. Nur ich habe überlebt. Bis jetzt. Gernot Zielonka